Presse-Echo

Köhlers Rücktritt: Von Kanonenbootrhetorik und Dispokrediten

Von Dominik Hammes

Foto: DPA
Foto: DPA Bundespräsident Horst Köhler gibt sein Amt auf. (Archivbild)

Horst Köhlers Rücktritt vom Amt des Bundespräsidenten ist auf die unterschiedlichsten Reaktionen gestoßen. Von Verwunderung und Ärger bis hin zu Kritik und Lob an der Person Köhler selbst reicht das Meinungsspektrum. Einige der pointiertesten Kommentare haben wir in unserem Presse-Echo zusammengestellt.

In die Diskussion um mögliche Nachfolgekandidaten des Bundespräsidenten mischt sich auch immer mehr Kritik an der Person Horst Köhler und seiner Rücktrittsentscheidung. So schreibt beispielsweise Karsten Polke-Majewski in der „Zeit“ im Bezug auf Köhlers Begründung für den Rücktritt: „Seine Stärke müsste es ja gerade sein, sich über die Kanonenbootrhetorik eines Jürgen Trittin zu erheben. Sein Selbstbewusstsein müsste darüber hinweggehen, sich vom Schweigen der Kanzlerin in der Sache nicht ausreichend unterstützt zu sehen.“

Auch an die Entscheidung selbst wird von Polke-Majewski negativ gesehen: „Seinem Land, dem er schwor, Schaden von ihm abzuwenden, erweist Köhler einen Bärendienst. Inmitten einer schweren Wirtschaftskrise, zu einer Zeit, da die Bundesregierung wankt, setzt er eine Staatskrise obenauf. […] Doch mit dieser Art des Rückzugs nimmt Köhler seinem Amt die letzte Kraft.“

Heribert Prantl beschreibt die charakterlichen Qualitäten des zweimaligen Bundespräsidenten für die „Süddeutsche Zeitung“ und zieht auch einen überraschenden Vergleich: „Dieser Präsident war ein Paradoxon – scheu und keck zugleich. Er vereinte das Ungelenke mit dem Schelmischen, und er band das zusammen mit seinen Wortschleifen. Auf der letzten Schleife steht nun: Ich bin als Bundespräsident gescheitert. Sein Rücktritt ist lafontainesk.“

Zum Amt des Bundespräsidenten und Köhlers Pflichterfüllung meint Prantl: „Das Grundgesetz hat das Staatsoberhaupt geschaffen wie Gott den Adam: nackt und bloß. […] Der machtlose Präsident gehört zum Mobile der deutschen Verfassungsorgane. Horst Köhler ist gescheitert, weil er diese Machtlosigkeit nicht akzeptieren wollte. Er wollte mehr, als das Amt hergab, und das, was das Amt hergab, füllte er nicht aus.“

Michael Spreng findet auf seinem Blog Sprengsatz.de deutliche Worte: „Das hat es noch nie gegeben: ein Bundespräsident hat keine Lust mehr, wirft das Amt weg wie einen Anzug, der ihm nie gepasst hat. Die erste Reaktion ist Erstaunen, die zweite Betroffenheit, die dritte Respekt. Horst Köhler hatte einfach keine Lust mehr, sich wie ein Tanzbär am Nasenring durch die Arena von Politik und Medien führen zu lassen. Seine Selbstachtung ließ ihm offenbar keinen anderen Ausweg. Ein integrer, redlicher und sympathischer Mann macht Schluß mit einem Zirkus, in den er nie gepasst hat.“

Spreng zieht keinen Vergleich zu Oskar Lafontaine, sondern zum dritten Bundespräsidenten der Bundesrepublik: „Ein Präsident hat die Nase voll. Er hat es zwar nie so formuliert wie Gustav Heinemann, aber auch ihm waren seine Frau und seine Familie immer wichtiger als staatliche Würden, Protokoll und Dienstwagen. Er liebt seine Frau, nicht sein Amt. Den größten Fehler hat er allerdings selbst zu verantworten: sich zur Wiederwahl zu stellen, statt beizeiten in Ehren zu gehen.“

Nils Minkmar kommentiert für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ und kritisiert Köhlers Rücktritts-Begründung: „Man braucht nur das Geschichtsverständnis eines Schülers, um zu ermessen, dass man das Amt Friedrich Eberts mehr zu schützen hat als seine persönliche Empfindlichkeit in einer übrigens notwendigen Debatte. Der Respekt, den Köhler ins Feld führt, muss von ihm selbst erkämpft werden, das ist kein Dispokredit symbolischen Kapitals, den die Öffentlichkeit fraglos zu spendieren hätte.“

Roland Nelles schließt seinen Kommentar für „Spiegel Online“ mit positiven Worten: „Was bleibt? Das Land wird auch diesen politischen Schock überstehen. Die Lücke, die Köhler hinterlässt, wird geschlossen werden. In den meisten Parteien gibt es kluge Kandidaten für das höchste Staatsamt.“
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