Kommentar zum iPhone-Geburtstag

Fünf Jahre Apple-iPhorie

Von Kevin Körber

Foto: Flickr/Gonzalo Baeza Hernández
Foto: Flickr/Gonzalo Baeza Hernández Mit dem iPhone hat Apple weltweit ein wegweisendes Internethandy etabliert.

Vor fünf Jahren startete, zunächst nur in den USA, der Verkauf der ersten iPhone-Generation. Mit ihr revolutionierte Apple den Smartphone-Markt und konnte in den vergangenen Jahren stets neue Verkaufsrekorde erzielen. Schriftliche Glückwünsche und private Geständnisse eines iPhone-Jüngers...

Toll, was das iPhone in den vergangenen fünf Jahren inzwischen alles erlernt hat: es kann Videotelefonieren, 1080p-Videomaterial aufzeichnen, hat eine verbesserte Fotokamera im Gepäck, einen Sprachassistenten, einen stets schneller werdenden Prozessor. Gleiches gilt für das dazugehörige und mit gewachsene Betriebssystem iOS: Multitasking, Apps in Ordnern organisieren, Bücher via iBooks kaufen, kostenlose Nachrichten über iMessage austauschen. „Mein Uralt-Handy kann das schon seit Ewigkeiten!“, schallt es daraufhin aus allen Löchern. Na und? Das Uralt-Handy ist aber kein iPhone.

Es mag fanatisch klingen und beinahe könnte man mir nachsagen, alles, was aus der Apple-Schmiede kommt, wird bis aufs Schärfste von mir verteidigt. Ganz so ist es nicht. Früher konnte ich dem Konzern aus Cupertino nichts abgewinnen. Zählte zu denen, die hämisch grinsend mit dem Windows-Laptop unter Arm dastanden und PowerBook-Besitzer sarkastisch bemitleideten, weil sie auf (meiner Ansicht nach) tolle Tools und Games verzichten mussten. Doch nach ersten MacBook-Erfahrungen, präsentierte mir der im vergangenen Jahr verstorbene Steve Jobs auf seiner Keynote 2007 mein iPhone. Er präsentierte es nur mir, ganz für mich war es gemacht. Eine der vielen Emotionen, die der Apple-Boss transportieren kann. Da ist es mir doch egal, welche Knebelverträge es gibt oder dass es viel zu teuer ist. Ästhetik betäubt meinen sonst so gut funktionierenden Verstand. Und ich lasse mich voll drauf ein.


Der verstorbene Apple-Chef Steve Jobs stellte das iPhone auf einer, wie immer perfekt inszenierten, Keynote im Rahmen der Macworld 2007 vor.

Die iPhorie

Im Mai 2008 trat dann das iPhone der ersten Generation in mein Leben. Ein Import aus den USA, damals noch ohne Anwendungen Dritter, denn den App Store gab es noch nicht. Dennoch wurde mir schon nach dem Auspacken klar: hier beginnt eine innige Beziehung. In diesem Augenblick waren alle Ex-Handys vergessen. Nokia, Siemens, Sony Ericsson? Kein Vergleich. Ich ließ mich auf die Apple-Welt ein, zog die Folie von der Oberseite des Displays und streichelte über den berührungsempfindlichen Touchscreen. Völlig intuitiv empfing mich das smarte Telefon, lud mich ein, es zu entdecken. Die ganze Nacht lang dauerte der Rausch der iPhorie an. Nicht nur das Äußere überzeugte – alles am iPhone war so herrlich unkompliziert.

Schnell bemerkte ich die auffälligste iPhone-Eigenschaft: das Wundergerät scheint sich fast menschlich in den Alltag einzuschleichen. Zog man vorher sein verkratztes Nokia 6233 aus der Tasche um eine SMS zu tippen oder zu telefonieren, schleuderte man es anschließend ohne Bedacht zurück in das Ablagefach seiner Mittelkonsole im Auto. Dem iPhone widerfährt immer und immer wieder ein regelrechtes Pflegeritual. Sanft streicht man über das Display um es vom Staub zu befreien, bevor man elegant mit einem Wisch die Tastensperre entriegelt. Nach dem Gebrauch bettet man es ebenso empfindlich auf irgendeine sanfte Unterlage – Hauptsache auf nichts, was zu Kratzern auf der Rückseite führen könnte.

Die Mensch-Technik-Beziehung

Gegen eine gummischlauchartige Schutzhülle habe ich mich bis heute bewusst verweigert. Es wäre dem iPhone nicht angemessen, es in ein enges Korsett zu schnüren. Um diesen Entschluss zu fassen, muss man etwas tun, was einem als iPhone-Liebhaber nicht leicht fällt: man muss Akzeptieren lernen. Akzeptieren, dass dieses edle Stück Technik kein Mensch ist, mit dem man durchs Leben schreitet, sondern ein Gebrauchsgegenstand. Ein Gebrauchsgegenstand der verbindet, hilft, informiert, bildet, amüsiert, unterhält – egal, wo man sich befindet. Ist man als iPhone-Besitzer an diesem Punkt angekommen, kann man sich unbekümmert auf einen neuen Abschnitt der Mensch-Technik-Beziehung einlassen und das Streicheln und Liebkosen bei der Bedienung ohne Reue und ungutes Gefühl genießen.

Spätestens als zwei Monate nach dem Erwerb meines iPhone der ersten Generation der App Store das Licht der Welt erblickte (übrigens der Moment, ab dem ich auch auf einen Jailbreak verzichtete) waren dem iPhone und einem selbst keine Grenzen mehr gesetzt. Die Möglichkeiten scheinen unbegrenzt: Wem Telefon, Musik-Player, mobiles Internet, E-Mail-Abruf, Kamerafunktion und Co. von Haus aus nicht genügen, der verliert sich im App Store. Programme für alle Lebenslagen bereichern seitdem den Alltag der iPhoner. GPS sei Dank werden viele Applikationen zu neuen Lebensführern, denn das iPhone weiß genau, ob ich nun zu Hause sitze, in der Redaktion oder beruflich in Berlin unterwegs bin. Ein Programm beispielsweise, organisiert mir danach meine To-do-Liste. Es sagt mir, ob ich mich gerade in der Nähe des Supermarkts befinde und noch Knabberzeug einkaufen wollte. Schnell bemerkt man, dass das elektronische Gehirn einen größtenteils wie ein moderner Zombie durch den Alltag steuert. Das Schöne daran: Man muss ja nicht drauf zurückgreifen.

Als wesentlich harmloser stellen sich hier die Informationsdienste heraus, die dem iPhone-Nutzer den schnellsten Weg zur nächsten Bank, Tankstelle oder Haltestelle präsentieren. An letzterer angekommen, überbrückt man die Wartezeit dann mit einem Blick auf Twitter oder Facebook oder trainiert das durch die Überkontrolle des eHirns verlorene Gedächtnis mit einem Gehirntraing-Spiel.

Die Welt in Händen

Und noch etwas hat Apples Telefon geschafft, woran viele Smartphone-Vorgänger gescheitert sind: Das iPhone hat das Internet allgegenwärtig gemacht. Wenn Sie künftig einen typischen iPhone-Besitzer sehen, der mit weißen Ohrhörern freisprechend telefoniert und dabei wie gebannt auf das Display seines Telefons blickt oder mitten in der Menschenmenge zum Stehen kommt, nur um gerade die neueste E-Mail zu lesen: wundern Sie sich nicht, denn er hält gerade die Welt in seinen Händen. Ob das nun an einem uninteressanten Telefonat oder dem Interesse, jederzeit online zu sein liegt, gilt es nicht zu beurteilen. Beides ist denkbar. In fremden Städten macht uns das iPhone ohne die geringsten Ortskenntnisse überlebensfähig. Zugegeben: Uns entgeht dabei vieles, was wir mit dem Blick auf das Display möglicherweise versäumen. Gleichzeitig entdeckt man aber viel Neues.

Die schöne iPhone-Welt – in einem Moment ist man durch sie euphorisiert, im anderen fast schon schockiert. Nämlich genau dann, wenn man feststellen muss, dass man durch dieses kleine Gerät mehr und mehr mit einem Computer verschmilzt. Natürlich hat das iPhone seine Macken, das steht außer Frage: Auch in der im Herbst erscheinenden iOS-Version 6 ist es noch nicht möglich, bei mehreren E-Mail-Konten unterschiedliche Signaturen anzuhängen, von iTunes und den Apple-Kontrollmechanismen ist man ohnehin ständig abhängig und spätestens am Abend muss man das Smartphone mit Strom versorgen, da die Akkuleistungen doch rührend lächerlich sind, vergleicht man die Standby-Zeiten mit anderen auf dem Markt befindlichen oder gar älteren Telefonen. Doch darum geht es beim iPhone gar nicht. Viel wesentlicher ist der Aspekt, was das Apple-Wunder mit uns und unserem Kopf anstellt. Triviale Alltagsdinge überlassen wir nun viel lieber einem Computer. Ich kenne dieses Gefühl sehr gut und jeder iPhone-Nutzer wird dies insgeheim bestätigen können.

Kreisen die Gedanken um dieses Zukunftsszenario, das eigentlich schon gar keins mehr ist, beginnt man die lockere, leichte Beziehung zu seinem iPhone in Frage zu stellen. Das tut dieser Liebe gar nicht gut, denn lässt man die Kopfhörer zu Hause, erkundet ungewohntes Gebiet auf eigene Faust oder fragt sich durch, wird sich das böse rächen. Denn ganz weg kommt man von diesem Ding ja dennoch nicht. Und denkt man, man habe es geschafft, steigt die Versuchung bei der nächsten eintreffenden Nachricht oder dem nächsten Telefonat „mal eben schnell“ was zu googeln oder den Wetterbericht für die nächsten fünf Tage abzurufen.

Letztendlich ist es völlig egal, ob es Steve Jobs war, der uns heute vor fünf Jahren ein Gerät namens iPhone gab. Er kam anderen einfach zuvor und wusste, die Zukunft so zu verpacken, dass sie für jeden einfach verständlich ist. Der Weg zurück wäre schwierig und ist von mir auch keinesfalls gewollt, solange man mit ruhigem Gewissen von sich behaupten kann, der dominierende Part in dieser Mensch-Technik-Beziehung zu sein. Herzlichen Glückwunsch, iPhone.
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