iPad-Start in den USA
Das Neuerfinden des Papiers
Von Dominik Hammes
Allen Buhrufen entgegen ist Apples iPad mit enormen Erfolg gestartet. Trotz der teils harten Kritik an dem neuen Stück Technik, ist das kaum überraschend.
Die ersten Reaktionen auf Apples iPad waren gemischt. Einen Großteil der negativen Kommentare konnte man jedoch als Kritiken an Apples allgemeiner Firmenphilosophie und einer Ablehnungshaltung gegenüber des provozierten Hypes abtun.
Doch auch die technischen Details des neuen Produktes ließen viele sachliche Beobachter an der Markttauglichkeit des iPads zweifeln. Von vielen als großes iPhone verlacht, fiel es selbst einigen Apple-Fans schwer, das von Steve Jobs immer wieder als „magical“ angepriesene Gerät mit dem üblichen Enthusiasmus zu begrüßen. Doch nachdem Experten und Journalisten aller Fronten die Daten des iPads auf Features und Mängel abgeklopft hatten, zeichnete sich langsam ein Bild, vielmehr ein Frage ab: Was ist das iPad? Für welchen Zweck und welchen Kunden ist es gedacht?
Das iPad ist kein Personal Computer. Es bietet weder die Funktionsvielfalt handelsüblicher Computer, noch die freie Wahl des Betriebssystems. Letzteres ist für Applenutzer nichts Besonderes, das kalifornische Unternehmen liefert seine Computer mit dem firmeneigenen Betriebssystem Mac OS aus. Dass sich das Betriebssystem nur auf wenige Hardwarekonfigurationen einstellen muss, ist förderlich für Performanz und Stabilität. Dennoch wird die Idee von an spezifische Hardware gebundener Software von vielen abgelehnt. Für so manchen gehört das Zusammenstellen jeder einzelnen Komponente ihres PCs einfach dazu – ein individueller Computer, selbstgeschraubt. Persönlicher kann der PC für viele nicht sein.
Dieser Bastelleidenschaft ist Apple spätestens seit dem Umstieg auf Intel-Prozessoren auch zum Opfer gefallen: Linux oder Windows als Betriebssystem auf einem Apple Computer vorzufinden ist heute keine Seltenheit mehr. Oftmals finden sich gar mehrere Betriebssysteme auf den monogam gedachten Rechnern. Auch vor einer härteren Nuss, wie dem von Apple in alle Richtungen außer der eigenen abgesicherten iPhone machen die Bastler nicht halt: Längst existiert eine große Gemeinde von versierten Nutzern die mit ihren sogenannten „Jailbreaks“ dafür sorgen, dass auf dem iPhone allerhand passiert, was Apple eigentlich verhindern wollte. Der erste Jailbreak für das iPad ist angeblich schon verfügbar.
Genau dieses Betriebssystem stellt eine der Schwächen für viele an Multitasking gewohnte Computernutzer dar. Obwohl das Betriebssystem grundsätzlich zu Multitasking in der Lage ist, ist diese Funktion bisher nur für wenige Anwendungen freigeschaltet. Für alle Nutzer, die gerne dutzende von Programmen gleichzeitig laufen lassen und ihrem Browser ebenso viele Tabs geöffnet haben ist das natürlich eine beinahe unerträgliche Vorstellung. Nur ein Programm gleichzeitig? Leben wir in der Steinzeit? Sicher nicht. Aber noch mal: Das iPad ist kein PC- oder Notebook-Ersatz und war auch nie als solcher gedacht.
Damit wären wir wieder bei unseren Ausgangsfragen, die von vielen mittlerweile mit dem Bezug auf nicht stark versierte Computernutzer beantwortet wird. Viele Nutzer sind nicht mit einem Computer aufgewachsen oder haben einfach Probleme mit einem Gerät zu arbeiten, das über eine derartige Funktionsvielfalt verfügt. Doch auch solche Nutzer haben mittlerweile, wenn auch zögerlich, die Vorzüge von Computern, insbesondere des Internets kennen gelernt. Die Benutzung des neuen Mediums birgt jedoch immer noch viele Hürden. Selbst die vielen ins Blut übergegangene Mausbedienung muss vielfach noch antrainiert werden, damit sie so flüssig von Hand geht wie man das von vielen Nutzern kennt. Hier bieten Geräte mit Touchschreen wie das iPad einen intuitiveren Zugang zu den Inhalten und Funktionen der neuen Medien. Selbst die von vielen Seiten kritisierte Abwesenheit der Multitasking-Fähigkeit könnte sich im Nachhinein als Stärke erweisen.
Unerfahrene Nutzer fühlen sich von einer Vielfalt an geöffneten Anwendungen eher verwirrt als bereichert und könnten die Übersichtlichkeit und simple Benutzung des iPads zu schätzen wissen. Dennoch werden schon jetzt Stimmen laut, die – kurz vor dem Anstehenden Update des Betriebssystems – von einem baldigen Ende des Multitasking-Verbotes zu wissen angeben.
Bei all dieser Diskussion wird schnell vergessen worum es bei dem iPad – abseits seiner Mängel – eigentlich geht: Das Neuerfinden des Papiers.
Obwohl es bereits seit Jahren für tot erklärt wird, behauptet sich das Trägermedium jedes Jahr aufs Neue. Der Rückgang der Verkaufszahlen im Printmedienbereich ist zwar stark spürbar, hat aber wohl weniger mit der Überlegenheit des Netzes gegenüber den gedruckten Zeitungen zu tun, als viel mehr mit der Tatsache, dass es tagesaktuelle Informationen für die breite Masse im Internet immer noch kostenlos gibt.
Diejenigen Internetnutzer jedoch, die nicht unter den etwas holprigen Begriff „Digital Native“ fallen, wünschen sich oftmals die einfache Zugänglichkeit und Handhabung eines gedruckten Buches, einer Zeitung zurück. Genau das könnten leichte Geräte mit Touchscreen-Bedienung jetzt wieder leisten. Dass Apple bei dieser Entwicklung zu einem der Vorreiter gehört und es wagt, statt eines Alleskönners wie er von ohnehin versierten Nutzern gerne gesehen wird, ein spezialisiertes, reduziertes Gerät für die Masse zu produzieren, ist nicht überraschend.
Ob Apples Erfolg mit dem iPad ein langfristiger sein wird, lässt sich nur schwerlich sagen. Die Zeichen stehen jedoch gut für das kalifornische Unternehmen. Den Bastlern und Invidualisten kommt Apple jedenfalls indirekt entgegen: Mit dem Verkauf eines USB-Adapters der zum Anschluss einer Digitalkamera gedacht war, erspart Apple dem ein oder anderen vielleicht das Löten eines eigenen Anschlusses.
























