Abgesetzt – Die Medien-Kolumne

„Neo Paradise“: Occupy-Bewegung des deutschen Fernsehens

Von Kevin Körber

Foto: ZDF/Jule Roehr
Foto: ZDF/Jule Roehr Joko Winterscheidt (l.) und Klaas Heufer-Umlauf (r.) gehen jede Woche in der „Quotenhölle“ bei ZDFneo mit „Neo Paradise“ auf Sendung.

Mit dem „MTV Home“-Nachfolger „Neo Paradise“ haben Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf auf ZDFneo eine echte Alternative zum Programm der großen Sender geschaffen. Zeit für newsecho.de-Redaktionsleiter Kevin Körber, ein Geständnis gegenüber den beiden Moderatoren abzulegen...

Ich habe ein Problem. In den vergangenen Monaten nahm ich das Moderatoren-Duo Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf ausschließlich als nervig wahr. Augenscheinlich wurden sie aus dem Viacom-Universum von ihren bisherigen Heimatplaneten Viva und MTV direkt ganz nach oben auf die Wild-and-Young-Listen der Werbegurus gesetzt, um fortan als Maskottchen für Rasierer und Banken die junge Zielgruppe anzusprechen. Zu allem Überfluss der zu drohenden Omnipräsenz, krallte sich dann auch noch die Produktionsstätte Endemol die beiden Männer, die fortan nur noch als „Jokoundklaas“ eingesetzt wurden. Auf ProSieben präsentierten sie dann die langatmige und wenig spektakuläre Sommerloch-Show „17 Meter“ oder zuletzt „Die Rechnung geht auf uns“. Bei beiden wurde man auch in der Werbung mit den Gesichtern der Gastgeber regelrecht penetriert.

Mein Bedarf an den frischen und ach so hippen Gestalten war vollends gedeckt. Bis... ja, bis ich mich selbst dabei ertappt fühlte, dass ich zunehmend auf dem kleinen ZDF-Spartenkanal ZDFneo hängen blieb. Dort läuft aktuell nämlich der neueste Streich der Occupy-Bewegung des deutschen Fernsehens: „Neo Paradise“. Sonderlich spektakulär gibt sich die Sendung nicht. Eher wirkt das Studio wie eine Mischung aus Hobbykeller, Stammkneipe und Late-Night-Show auf Sperrholzniveau. Aber es hat etwas, was vielen Formaten im deutschen Fernsehen fehlt: Charme.

Da sitzen nun also jeden Donnerstagabend Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf (der Verzicht auf die Formulierung „Jokoundklaas“ ist an dieser Stelle ganz bewusst gewählt) und schwadronieren nach einem mal mehr, mal weniger ordentlichen Stand-up mit Gästen wie Herbert Grönemeyer, Eva Padberg, Oliver Kalkofe und Wolfgang Lippert. Beklatscht werden sie dabei von einem Publikum. Vielleicht sind es zehn, vielleicht auch 50 Gäste, die im Berliner Studio der Produktionsfirma Strandgutmedia sitzen. Vielleicht sind es auch nur die Praktikanten des Hauses. So genau weiß man das nicht. In einem Schrank spielt eine Newcomer-Band und nutzt ihre 15 Minuten Ruhm, dazwischen gibt es Einspielfilme.

Einmal wurde Winterscheidt bei einem Dreh versehentlich von Eishockey-Profispieler Florian Busch derart heftig zu Boden gestreckt, dass er ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Ein anderes Mal tritt plötzlich vollkommen ohne Vorwarnung TV-Kritiker Oliver Kalkofe in der Greenbox ins Studio und kommentiert im Stil von „Kalkofes Mattscheibe“ das Treiben von „Lokus Hinterschweiß und Klaas Haufen-Auslauf, alias Popo und Arsch“, so der Altmeister.
In der „Neo Paradise“-Sendung nach Kerkelings „Wetten, dass..?“-Absage, amüsierte man sich mittels einer kurzen filmisch und fiktiv umgesetzten Chronologie des Abends über das große Entsetzen der Presse.


Fernsehkritiker Oliver Kalkofe zu Gast bei „Neo Paradise“

Mit Sicherheit können nicht alle über diese Art von Humor lachen, geschweige denn, verstehen die zahlreichen Anspielungen, die innerhalb der 45 Minuten öffentlich-rechtlichen Fernsehens irgendwo zwischen DMAX und Das Vierte auf der Fernbedienung geboten werden. Wo sich im Nebensatz fast schon schelmisch über grenzdebile Doku-Soap-Helden lustig gemacht wird oder man kurzerhand verschiedene Versionen von Winterscheidts Eishockey-Unfall für andere deutsche Sender bereit hält, spürt man: nicht nur die beiden Protagonisten haben Spaß an der Produktion.

Das Team im Hintergrund beweist nach nur fünf Ausgaben, dass hier womöglich auch schlicht und ergreifend Abbau von angestautem Frust stattfindet. War man zuvor möglicherweise selbst noch als leitendes oder ausführendes Zahnrad Teil des Trash-Fernsehens, so wird nun zurückgeschlagen und sich munter ausgetobt.

„Neo Paradise“ wirkt wie eine neu geschaffene und des Artenschutzes würdige Spielwiese des deutschen Fernsehens, auf dem sich junge und junggebliebene Medienschaffende nun in die Herzen der Zuschauer spielen. Mein Bewertungskriterium ist diesbezüglich übrigens recht simpel. Als ehemaliger Fernsehschaffender wird in mir beim Zuschauen ohne Nachdenken der Wunsch geweckt: Gebt mir einen Vertrag, ich unterschreibe! Ich will dabei sein. Auch wenn der Arbeitstag 14 Stunden hat – man arbeitet an einem Endprodukt, dass der Unterhaltung dient, allen Beteiligten Spaß bereitet und nicht der schnellen Quote, der billigen Massenproduktion am Scripted-Reality-Fließband oder dem Vorführen von Schwiegersöhnen oder Bauern dienlich ist.

Da ist es auch egal, dass es nicht die Massen sind, die bei ZDFneo erreicht werden. Die Premiere Anfang Oktober startete mit 20.000 Zuschauern, doch genau das ist gut so. Lasst diese herrliche Wohlfühlsendung, in der Anarchofernsehen gemacht wird, ruhig als Insidertipp gelten.

Das Team um Joko und Klaas verkörpern mit „Neo Paradise“ das, was im Fernsehen lange Zeit nicht mehr besetzt war und früher durch die inzwischen ausgepowerte Raab-Event-Werbesendung „TV Total“ und Harald Schmidt als Late-Night-Establishment geboten wurde: eine Show, die sich selbst nicht ernst nimmt und den ausgestreckten Zeige- und manchmal auch Mittelfinger auf die eigene Branche richtet.

Was braucht dieses Duo eine Sendung wie „Wetten, dass..?“ (darüber wird zumindest dieser Tage spekuliert), wenn sie ihr eigenes Fernseh-Paradies direkt vor der Haustüre haben? Ja, Herr Winterscheidt und Herr Heufer-Umlauf, von mir aus dürfen Sie sogar weiterhin Sommerloch-Shows auf ProSieben, Silvester-Sendungen vor dem Brandenburger Tor als Gottschalk-Nachfolge moderieren oder sich sämtliche Sparkasse-Filialen Deutschlands auf die Stirn tätowieren lassen. Für die breite Masse. Für den Fame. Für das Geld. Doch ich stelle eine Bedingung: Machen Sie für uns Freunde der Alternativ-Unterhaltung um Gottes Willen weiter mit „Neo Paradise“. Wir sagen es auch weiter.

„Neo Paradise“, donnerstags, 22:25 Uhr, ZDFneo.


In seiner Kolumne „Abgesetzt“ wirft newsecho.de-Redaktionsleiter
Kevin Körber einen kritisch-amüsierten Blick auf das Drunter und Drüber der Medienwelt.
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