Vorgeführt – Die Film-Kolumne

Von Rückenlehnen-Tretern und Strohhalm-Gurglern

Von Dominik Hammes

Foto: Flickr/dreamsjung
Foto: Flickr/dreamsjung Noch ist der Saal leer…

Seit dem Siegeszug der DVD und dem Erfolg von Surround Sound im heimischen Wohnzimmer fürchten viele um den Tod der Lichtspielhäuser. Bislang eine unbegründete Furcht, die Kinowirtschaft schlägt sich auch in den Nachwehen der Krise gut. Eine Entität bedroht jedoch das Filmvergnügen im Kino wie keine zweite: Der Kinogänger selbst.

Getränke und Naschereien in Bereichen weit jenseits nachvollziehbarer Preise, von Popcorn und Limo verklebter Fußboden, fragwürdige Werbefilmchen und nervige Eisverkäufe – all das kann Filmfans nicht davon abhalten ins Kino zu pilgern. In einer Welt mit Kinosälen in denen 70 Prozent der Plätze als „Logenplätze“ bezeichnet werden – was an Wortmissbrauch grenzt – damit auch für diese ein Aufpreis verlangt werden kann, ist es schon erstaunlich, dass noch so viele Menschen den freiwilligen Weg in das Dunkel vor der Leinwand zurück legen.

Viele der genannten Kritikpunkte gelten natürlich in der Hauptsache für einzelne Filialen von großen Kinoketten, das Ausmaß an – nennen wir es Hindernissen – die zwischen dem Publikum und dem eigentlichen Grund für seine Anwesenheit im Kino steht, ist insgesamt enorm. Jedoch, wer sich dazu aufmacht einen Film auf traditionelle Art und Weise im Kino zu schauen, weiß oft was ihn erwartet. Die zuverlässige Regelmäßigkeit mit der das Vorprogramm auf die Zuschauer prallt mag zu einem gewissen Abstumpfen führen. Man denke nur an Harald Schmidts Werbespot für die Münchner Bürgerinitiative „Die Lichterkette“ in der er vor „Inländerkriminalität in Deutschland“ warnte. Der gut gemeinte, aber schlecht produzierte Spot lief in verschiedenen Kinos gefühlte 20 Jahre, doch irgendwann hatte sich auch der sensibelste Kinogänger daran gewöhnt. An eins kann man sich jedoch nur schwer gewöhnen: Idioten.

Jeder, der in Begleitung im Kino sitzt, möchte sich irgendwann einmal dieser mitteilen. Jeder, der sich etwas zum Naschen gekauft oder hereingeschmuggelt hat, möchte es auch verspeisen. Jeder, der in einem Kinosaal sitzt, will die Beine ein wenig ausstrecken. Nicht jeder, der das tun will, weiß wann er dabei andere belästigt. Man erahnt die Probleme.
Ein Kinosaal ist ein unterhaltsames Soziotop, in dem man schön beobachten kann, was passiert, wenn das Ausnutzen der Rechte eines Individuums, die Rechte eines anderen Individuums einzuschränken beginnt.

Es ist erstaunlich, wie viele Zuschauer es für völlig normal halten in Zimmerlautstärke über den Film zu diskutieren oder die einzelnen Szenen zu kommentieren. Manchmal auch etwas lauter als Zimmerlautstärke, der doofe Film macht ja soviel Krach, wie soll man sich da auch unterhalten. Auch Jahre nachdem die ersten „Bitte schalten Sie Ihr Mobiltelefon aus!“-Werbespots über die Leinwand flimmerten, hört man vereinzelt noch einen Klingelton im Vorführsaal. Wenn man einen besonders extremen Fall erwischt hat, kommt man in den Genuss den Satz „Ja nee, ich bin im Kino…“ zu hören.

Es scheint so, als glaubten viele Kinogänger, dass, sobald das Licht im Saal ausgeht, die anderen Anwesenden den Saal verlassen würden. Hier eine kleine Service-Information: Die dunklen Silhouetten vor und hinter einem selbst sind keine Pappaufsteller sondern atmende, lebende Menschen, die einen Film sehen möchten und nicht dort sitzen um den Beziehungsproblemen von Martha K. aus L. zu lauschen.

In bestimmten Genres dominiert das Kommentieren des Filmgeschehens. Nach nur einem überflüssigen Publikumskommentar kann man den Film oft bereits zuordnen: „Oh nein, nicht da rein!“ (Horror), „Na los, küss sie!“ (Romanze), „Was? Hä?“ (je nach Publikum entweder ein Film von David Lynch oder M. Night Shyamalan).
Dabei ist das deutsche Kinopublikum vergleichsweise gut erzogen. Insbesondere in den USA werden etwa Actionszenen oder lässige Sprüche gerne mit einem Applaus aus dem Publikum belohnt, auch Pfiffe und lautes Rufen können dort mitunter vorkommen. Natürlich gibt es auch in Amerika regionale Unterschiede. Generell ist das Publikum als Kollektiv jedoch eher dazu bereit Lärm zu machen und einer toten Leinwand Applaus zu spenden. In einem Saal, in dem der ruhige Kinogänger in der Minderheit ist, muss man sich wohl mit dem Lärm abfinden, vielleicht stört es dann auch weniger. In deutschen Kinosälen belastet der Einzeltäter jedoch nach wie vor. Rückenlehnen-Treter, Plot-Vorhersager und Strohhalm-Gurgler werden wohl so schnell nicht aussterben.

Ein Kinosaal ist kein Wohnzimmer, was den Vorteil hat, dass man leere Popcorn-Becher einfach stehen lassen kann (aber nicht sollte), und den Nachteil, dass man von Fremden umgeben ist, die man nie zu sich nach Hause einladen würde. Viele Filmfans haben das längst erkannt und eigene Leinwände und Projektoren gekauft.

Dennoch, allen ablenkenden Kräften zum Trotz, das Kino übt weiterhin eine gewisse Magie aus. Das Ritual des Kartenverkaufs, der Geruch von Popcorn und eben auch das Gefühl, Teil eines größeren Publikums zu sein, sind in den eigenen vier Wänden nur mit Mühe nachzustellen. Sollte man dennoch einen schlechten Abend erwischen und mit wenig sozial veranlagten Menschen im gleichen Film sitzen, so hat man wenigstens ein gutes Gesprächsthema für später.
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