Abgesetzt – Die Medien-Kolumne

„Rachs Restaurantschule“: Existenzkampf am Herd

Von Kevin Körber

Foto: RTL/Thomas Pritschet
Foto: RTL/Thomas Pritschet Der gebürtige Saarländer Christian Rach hatte seinen ersten größeren TV-Auftritt im Jahr 2005 mit der Sendung „Teufels Küche“ (RTL).

Im normalen Leben ist Christian Rach Koch, führt mehrere Restaurants. Doch als nette Nebenbeschäftigung hat er das Fernsehmachen für sich entdeckt. Seit Jahren testet er für RTL Restaurants und bringt sie auf Vordermann, jetzt widmet er sich Jobsuchenden ohne Perspektiven.

Innerhalb von zwei Monaten will Christian Rach in „Rachs Restaurantschule“ mit zwölf Anwärtern auf eine Ausbildungsstelle oder Festanstellung aus einer heruntergekommenen Bruchbude ein neues Restaurant mit Namen „Slowman“ im Hamburger „Chilehaus“ aus dem Boden stampfen. Dabei geht es nicht nur ums Kochen sondern auch um das komplette Management des neuen Gourmettempels. Aus etlichen Bewerbungen haben Rach und sein Team zwölf Kandidaten zum Vorstellungsgespräch eingeladen.

Dabei handelt es sich jedoch nicht um bereits ausgebildete Kräfte mit jahrelanger Gastronomieerfahrung, sondern um wahre RTL-Schicksale: Der 28-jährige Tim beispielsweise ist Ex-Knacki, Collin, ebenfalls 28 Jahre alt, ist Thaiboxer und Türsteher und obdachlos, weil ihn seine schwangere Freundin rausgeworfen hat.

Vorzeigekandidaten wollen „letzte Chance“ nutzen

Nach den im TV-Regelwerk hinterlegten Kriterien für Doku-Soap-Kandidaten wurde sicher auch die 44-jährige Angelika ausgesucht. Sie lebt zu Hause mit über 100 Stofftieren. Zur Begrüßung hat sie Rach eine Überraschung mitgebracht: Eine fein eingetupperte Fischsuppe. Wieso die ausgebildete Reisekauffrau plötzlich in die Gastronomie einsteigen möchte? Weil sie durch Kochsendungen im Fernsehen ihre Leidenschaft dafür entdeckte – warum sonst. Die 20 Jahre alte Rena hält sich mit Kindergeld und Hartz IV über Wasser und verbringt den Tag vor ihrem Computer. Nun will sie endlich beweisen, dass sie ihren Hintern hochbekommt. Für sie und alle anderen ist es „die letzte Chance“, wie es gebetsmühlenartig im Off-Text und auch von ihnen selbst betont wird.

Nach dem Eintreffen in Rachs Restaurant „Tafelhaus“ ging es dann in einem ersten Test um Grundkenntnisse in Sachen Lebensmitteln. Sellerie oder Schnittlauch? Steinbutt oder eine Flunder? Eklatante Lücken taten sich auf. Im Test rund um Allgemeinbildung, Rechtschreibung und Mathematik mussten sich die zwölf Kontrahenten dann gemeinen Fragen stellen. Oder würden Sie aus dem Stehgreif wissen, an welchem Fluss Frankfurt am Main liegt?

Wie die Teilnehmer bei diesem knallharten Wissenstest schlussendlich abgeschnitten haben, tat eigentlich nichts zur Sache. Außer kurz zu verkünden, dass der bisher sehr strebsame Tim das beste Ergebnis erzielte, blieb die Auswertung ohne Konsequenz: alle Teilnehmer haben das Bewerbungsgespräch überlebt und arbeiten für ein monatliches Gehalt von 500 Euro und einer Unterkunft am Aufbau des „Slowman“ mit.
Allesamt sind sie bei Rach angetreten, um ihr Leben zu ändern, in den Griff zu bekommen, in geordnete Bahnen zu lenken. Zumindest in der Auftaktsendung hatte man, bis auf ein, zwei Ausnahmen, leider nicht das Gefühl, in freudige und bis in die Haarspitzen motivierte Gesichter der Kandidaten zu blicken. Einige von ihnen wirken deplatziert, Rach war anzumerken, dass er zweifelt, seine Schützlinge überhaupt jemals auf Gäste loslassen zu können. Und wenn, dann bitte nicht auf die seiner etablierten Häuser.

Überhaupt kam der Sternekoch in der Premiere von „Rachs Restaurantschule“ eher distanziert rüber. Vielleicht war die geballte Ladung Coaching-Doku, die RTL ihm hier aufgelastet hat, Schuld daran, da er sich dieses Mal nicht um schlecht laufende Restaurants und deren ideenlose Besitzer kümmern musste. In seinem „Tafelhaus“ erwarteten ihn Bewerber, bei denen ein „wir müssen alle an einem Strang ziehen“ nicht ausreichen dürfte.

Eine Prise Hoffnung

„Rachs Restaurantschule“ musste gestern als RTL-Hybrid aus „Die Ausreißer“ und „Super Nanny“ herhalten. Dennoch: Als Trash-Fernsehen kann man das Format nicht abstempeln. Der Sender und auch Rach selbst verzichten auf das Bloßstellen der Kandidaten; leider müssen sie hier aber auch gar nicht großartig nachhelfen. Man kann es getrost den Personen selbst überlassen, die weitaus bessere Geschichten liefern, als es Autoren des RTL-Nachmittags jemals schreiben könnten.

Im direkten Vergleich zu „Rach, der Restauranttester“ muss einem Zuschauer klar sein, dass das Kochen hier nicht im Vordergrund steht. Man könnte der Sendung und ihren Machern fast schon eine Art Vorbildfunktion attestieren. Das Vorhaben, Menschen ohne geeignete Qualifikationen eine Chance auf eine Berufsausbildung oder eine feste Anstellung zu bieten, ist ehrenhaft. Kristallisieren sich im Laufe der Staffel Kandidaten heraus, die der Sache mit dem nötigen und überzeugenden Engagement gegenüber stehen, kann die RTL-Show durchaus als Spiegel der Gesellschaft angesehen werden und die Hoffnungslosigkeit zeigen, mit der Arbeitswillige zu kämpfen haben. Und die Erfolgserlebnisse.

Das „Slowman“ in Hamburg hat bereits geöffnet – die Dreharbeiten sind natürlich längst abgeschlossen. Wie „Spiegel Online“ berichtet, beliefern Rachs Service- und Küchenkräfte bereits zahlreiche Hamburger Büros zur Mittagszeit. Gäste sagen, das Restaurant sei gut besucht, die Qualität würde stimmen. Die Quote übrigens auch. „Rachs Restaurantschule“ konnte am Montagabend 19,6 Prozent Marktanteil in der Zielgruppe 14 bis 49 Jahre verbuchen. Insgesamt sahen 4,54 Millionen Menschen zu.

In seiner Kolumne „Abgesetzt“ wirft newsecho.de-Redaktionsleiter
Kevin Körber einen kritisch-amüsierten Blick auf das Drunter und Drüber der Medienwelt.
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