07.09.2010, 15:29 Uhr
Abgesetzt – Die Medien-Kolumne
Pocher als Kachelmann: Fernsehen im Niveaukeller
Von Kevin Körber
Wo liegen die Grenzen des guten Geschmacks und dürfen sie, wenn überhaupt, von jemandem wie TV-Komiker Oliver Pocher überschritten werden? Mit seinem Auftritt als Jörg Kachelmann vor dem Mannheimer Landgericht krönte er seine bisherigen Niveaulosigkeiten.
Er beleidigte Mariah Carey, empfahl einer „Wetten, dass..?“-Zuschauerin eine Schönheits-OP, marschierte als Hitler-Attentäter Stauffenberg zur „Operation Walküre“-Premiere, moderierte mit Schweinegrippe vom Krankenbett aus und ließ sich erst kürzlich in seiner Sendung Botox in die Stirn spritzen. Das ist Oliver Pocher, wie man ihn kennt und was man von ihm gewohnt war. Eine Steigerung? Kaum möglich. Tiefer in den Niveaukeller herabsteigen? Ausgeschlossen.
Montagmorgen, Landgericht Mannheim: Die Presse wartet vor dem Gebäude auf den Prozessauftakt zum Fall Jörg Kachelmann. Plötzlich fährt ein schwarzer Transporter vor. Von weitem erkennt man auf dem Beifahrersitz einen Mann, der Jörg Kachelmann irgendwie ähnlich sieht: Drei-Tage-Bart, lange Haare, weißes T-Shirt, weite Lederjacke. Kurz hält man ihn tatsächlich für den angeklagten Wettermoderator. Dann jedoch öffnet sich das Fenster. Es ist niemand geringerer als Comedian Oliver Pocher. „Ich bin unschuldig!“ ruft er der versammelten Presse entgegen.
Im Schlepptau hat Pocher nicht nur ein Kamerateam, sondern gleich eine ganze Reihe von Darstellern. Unter ihnen auch ein falscher Justizbeamter, von dem sich Pocher in seiner Rolle als Jörg Kachelmann mit einer Umarmung verabschiedet. Ganz nach dem Vorbild der Entlassung des Angeklagten. Plötzlich tauchen mehrere junge Frauen in weißen Tops mit der Aufschrift „Lausemädchen“ auf. Diesen Kosenamen soll Kachelmann angeblich seinen Freundinnen gegeben haben.
Als Erklärung verließt Pocher vor dem Gericht inmitten des Pressegetümmels: „Ich möchte darauf hinweisen, dass eine eventuelle Inhaftierung meiner Person viele wichtige Projekte behindern würde. So darf ich ankündigen, dass ein großer deutscher Sender Interesse zeigt, mit mir eine Wetter-Show nur für Frauen zu produzieren. So viel sei verraten, es gibt auch schon einen Sponsor: Always ultra – mach dir schöne Tage“.
Pocher macht den Prozessauftakt um ein mögliches Gewaltverbrechen zu einem Laienschauspiel, dreht das Geschehen für seine wöchentliche Late-Night-Show in Sat.1. Seitens des Senders heißt es gegenüber Stern.de, Pocher karikiere „regelmäßig auf die ihm eigene Art Medien und das sogenannte Medienbusiness“. Doch die Kritik an seiner zunehmenden Geschmacklosigkeit wächst dadurch nur weiter.
Wer weiß, vielleicht braucht Oliver Pocher diese Aufmerksamkeit heute mehr denn je. Skandale provozieren, auch wenn sie unter die Gürtellinie gehen. Grenzen überschreiten, um in die Schlagzeilen zu kommen und der Quote seiner Sendung wenigstens ein bisschen auf die Sprünge helfen.
„Die Oliver Pocher Show“ startete vor zwei Wochen in ihre zweite Staffel. Erstaunlich, dass Sat.1 inzwischen überhaupt noch an dem ewigen Nachwuchscomedian festhält. Die Quoten-Talfahrt geht jedenfalls weiter: vergangenen Freitag entschieden sich nur 6,5 Prozent in der werberelevanten Zielgruppe für Pochers Es-sollte-mal-Late-Night-werden-Show. Das sind 3,5 Prozent weniger als in der Vorwoche.
Eigentlich holte ihn Sat.1 im Oktober 2009 gemeinsam mit Johannes B. Kerner als neues Aushängeschild zu sich. Ob man sich in Unterföhring mit solchen peinlichen Auftritten seines Schützlings jedoch einen Gefallen tut, darf bezweifelt werden. Vielleicht ist es inzwischen aber auch einfach die Nothing-to-Lose-Methode, auf die Pocher und der Sender setzen.
Klassische Late-Night ist für Pocher eine Nummer zu groß, doch anstatt sich auf das zu konzentrieren, was er kann, probiert er sich lieber in Parodien mit garantiertem Fremdschämfaktor. Angela Merkel, Lothar Matthäus, Michael Ballack – es wird parodiert, was der Kostümfundus hergibt. Ein zynisches Spiegelvorhalten, wie es gegenüber der Berichterstattung um den Kachelmann-Prozess vielleicht sogar angebracht wäre, gelingt ihm aber leider nicht. Wer nette Podolski- oder Kahn-Imitationen zum Besten geben kann, besitzt noch lange keinen Freifahrtschein um in die Königsklasse der bissigen Satire zu wechseln. Pocher setzt zum Frontalangriff an, nutzt einen Vergewaltigungsprozess als seine Bühne. Wenn jemand Provokation mit Geschmacklosigkeit verwechselt, steckt in den meisten Fällen sein Name dahinter.
In seiner Kolumne „Abgesetzt“ wirft newsecho.de-Redaktionsleiter
Kevin Körber einen kritisch-amüsierten Blick auf das Drunter und Drüber der Medienwelt.
Montagmorgen, Landgericht Mannheim: Die Presse wartet vor dem Gebäude auf den Prozessauftakt zum Fall Jörg Kachelmann. Plötzlich fährt ein schwarzer Transporter vor. Von weitem erkennt man auf dem Beifahrersitz einen Mann, der Jörg Kachelmann irgendwie ähnlich sieht: Drei-Tage-Bart, lange Haare, weißes T-Shirt, weite Lederjacke. Kurz hält man ihn tatsächlich für den angeklagten Wettermoderator. Dann jedoch öffnet sich das Fenster. Es ist niemand geringerer als Comedian Oliver Pocher. „Ich bin unschuldig!“ ruft er der versammelten Presse entgegen.
Im Schlepptau hat Pocher nicht nur ein Kamerateam, sondern gleich eine ganze Reihe von Darstellern. Unter ihnen auch ein falscher Justizbeamter, von dem sich Pocher in seiner Rolle als Jörg Kachelmann mit einer Umarmung verabschiedet. Ganz nach dem Vorbild der Entlassung des Angeklagten. Plötzlich tauchen mehrere junge Frauen in weißen Tops mit der Aufschrift „Lausemädchen“ auf. Diesen Kosenamen soll Kachelmann angeblich seinen Freundinnen gegeben haben.
Als Erklärung verließt Pocher vor dem Gericht inmitten des Pressegetümmels: „Ich möchte darauf hinweisen, dass eine eventuelle Inhaftierung meiner Person viele wichtige Projekte behindern würde. So darf ich ankündigen, dass ein großer deutscher Sender Interesse zeigt, mit mir eine Wetter-Show nur für Frauen zu produzieren. So viel sei verraten, es gibt auch schon einen Sponsor: Always ultra – mach dir schöne Tage“.
Wer weiß, vielleicht braucht Oliver Pocher diese Aufmerksamkeit heute mehr denn je. Skandale provozieren, auch wenn sie unter die Gürtellinie gehen. Grenzen überschreiten, um in die Schlagzeilen zu kommen und der Quote seiner Sendung wenigstens ein bisschen auf die Sprünge helfen.
„Die Oliver Pocher Show“ startete vor zwei Wochen in ihre zweite Staffel. Erstaunlich, dass Sat.1 inzwischen überhaupt noch an dem ewigen Nachwuchscomedian festhält. Die Quoten-Talfahrt geht jedenfalls weiter: vergangenen Freitag entschieden sich nur 6,5 Prozent in der werberelevanten Zielgruppe für Pochers Es-sollte-mal-Late-Night-werden-Show. Das sind 3,5 Prozent weniger als in der Vorwoche.
Eigentlich holte ihn Sat.1 im Oktober 2009 gemeinsam mit Johannes B. Kerner als neues Aushängeschild zu sich. Ob man sich in Unterföhring mit solchen peinlichen Auftritten seines Schützlings jedoch einen Gefallen tut, darf bezweifelt werden. Vielleicht ist es inzwischen aber auch einfach die Nothing-to-Lose-Methode, auf die Pocher und der Sender setzen.
Klassische Late-Night ist für Pocher eine Nummer zu groß, doch anstatt sich auf das zu konzentrieren, was er kann, probiert er sich lieber in Parodien mit garantiertem Fremdschämfaktor. Angela Merkel, Lothar Matthäus, Michael Ballack – es wird parodiert, was der Kostümfundus hergibt. Ein zynisches Spiegelvorhalten, wie es gegenüber der Berichterstattung um den Kachelmann-Prozess vielleicht sogar angebracht wäre, gelingt ihm aber leider nicht. Wer nette Podolski- oder Kahn-Imitationen zum Besten geben kann, besitzt noch lange keinen Freifahrtschein um in die Königsklasse der bissigen Satire zu wechseln. Pocher setzt zum Frontalangriff an, nutzt einen Vergewaltigungsprozess als seine Bühne. Wenn jemand Provokation mit Geschmacklosigkeit verwechselt, steckt in den meisten Fällen sein Name dahinter.
In seiner Kolumne „Abgesetzt“ wirft newsecho.de-Redaktionsleiter
Kevin Körber einen kritisch-amüsierten Blick auf das Drunter und Drüber der Medienwelt.
























