Abgesetzt – Die Medien-Kolumne

„Unser Star für Baku“: Weg vom „Arsch-Platz“

Von Kevin Körber

Foto: ProSieben
Foto: ProSieben Gaben am Ende im Live-Voting den Ton an: Jury-Präsident Thomas D und seine Juroren Alina Süggeler und Stefan Raab (v.l.)

Nun ist sie also endlich da, die in den vergangenen Tagen so oft geforderte Transparenz. Jedoch nicht, wie man sich wünschen würden, im Fall Christian Wulff, sondern bei einer Casting-Show. Mit einem Echtzeit-Voting will TV-Macher Stefan Raab unseren „Star für Baku“ suchen und zudem eine Revolution unter den Talentshows schaffen. Dies gelang am Donnerstag nur teilweise.

Was soll man nur von der ersten Show „Unser Star für Baku“ halten? Man kann sagen, dass eine Handvoll guter Kandidaten von Jury-Präsident Thomas D ausgesucht worden sind. Man kann auch sagen, dass dieser der Show durchaus eine sympathische Note verpasste. Und man kann sagen, dass die relativ spontane Entscheidung Raabs, doch dauerhaft in der neuen Jury Platz zu nehmen, dem Format sicherlich dienlich war. Zumal er wie kein zweiter im deutschen Fernsehen stets für die ehrliche Art von Casting stand, ohne Kandidaten zum Freiwild lästerfreudiger Zuschauer zu degradieren.

Große Eier

Doch dann bleiben noch viele Punkte offen, die „Unser Star für Baku“ einfach nicht perfekt machen. Zum Beispiel das neue Moderatoren-Duo, bestehend aus der 25-jährigen Sandra Rieß und dem neuen Matthias Opdenhövel von ProSieben, Steven Gätjen. Auch unter Berücksichtigung der Tatsache, dass es für Rieß die erste Primetime-Live-Sendung vor großem Publikum war, lässt nicht über die Unbeholfenheit und das Fremdschämen hinwegsehen, das sich am Donnerstagabend offenbarte. Der vermehrte Einsatz von Wortschöpfungen wie „Arsch-Platz“ (so bezeichnete Rieß den sechsten Rang, da man auf diesem nicht in der nächsten Runde landete), glich der verzweifelten Suche nach einem Revoluzzer-Profil – das ihr nicht steht.

In dem stand ihr Kollege Steven Gätjen, der als erfahrener Show-Moderator immerhin keinen überforderten Eindruck erweckte, aber in nichts nach. Urteilte Juror Thomas D nach dem Auftritt des Kandidaten Jan Verweij, der versuchte, „Closer To The Edge“ von 30 Seconds To Mars zu interpretieren, mit: „Wenn man diesen Song singt, braucht man Eier, die müssen so groß sein, dass sie nicht in die Hosen passen“, ist das eine Sache. Wenn Gätjen den Casting-Teilnehmer dann aber mit dem Satz „Die Hose passend zu den großen Eiern trägst Du, vielleicht wachsen sie ja noch“ von der Bühne schickt, und Newcomerin Rieß ihn Backstage auch noch mit der Ankündigung begrüßt: „Ich baue Dich ein bisschen auf, trete ein wenig vor, dann werden vielleicht auch die Eier dicker“, dann ist das insgesamt infantiles Geplapper auf Marktschreier-Niveau. Freuen wir uns diesbezüglich schon mal auf die Ausstrahlungen in der ARD, die Rieß als Moderatorin des Bayerischen Rundfunks vertritt.

Eine weitere Frau, die bei „Unser Star für Baku“ eigentlich im Mittelpunkt stehen sollte, ist Jurorin Alina Süggeler (Frida Gold). Gegen die Rampensau Raab und den metaphorischen Wortjongleur Thomas D sah Süggeler allerdings arg farb- und profillos aus. Nicht auszudenken, hätte Raab – wie nach dem Song-Contest 2011 angekündigt – größtenteils auf seine Rolle in der Jury verzichtet.

Unter den zehn ersten Kandidaten, die in der ersten Show antraten, fand sich alles, was irgendwo zwischen großem Potenzial und totaler Pleite eingeordnet werden kann. So können die 20-jährige Shelly Phillips mit „Valerie“ und der 21-jährige Roman Lob mit seiner Ausführung von „After Tonight“ schon jetzt als große Favoriten angesehen werden, da sie sich nicht unnatürlich auf Star getrimmt präsentierten. Ganz im Gegensatz zu den ausgeschiedenen Jan Verweij, der sich im Vorstellungsclip noch großspurig gab und betonte, dass man in der Show gegen die anderen Kandidaten spielt und nicht mit ihnen, um dann auf der Bühne mit „Closer To The Edge“ und schrägen Tönen unterzugehen, oder der 20-jährigen Aguilera-Kopie Jil Rock. Dazwischen tauchten immer mal wieder Lena-Klone auf, die mit ihrer Stimme oder ihrem Aussehen ihrer Vorreiterin ähnelten.

Moderne Form des Klingelbeutels

Der strittigste Punkt von „Unser Star für Baku“ ist das neue Live-Voting-System. Bereits bevor ein Ton gesungen wurde, können die Zuschauer anrufen, um nach Sympathie auszuwählen, wer als erstes und wer als letztes auftreten darf. Am Ende darf sich der Kandidat mit den meisten Anrufen dem Publikum präsentieren; um frisch im Gedächtnis zu sein. Dies wirft einen ersten Schatten auf das sonst so faire Raab-Casting, nämlich den der Oberflächlichkeit. Passt ein Kandidat auf den ersten Blick optisch nicht in die Norm, so kann er sich womöglich weit abgeschlagen auf der Tabelle vorfinden. Alles andere als schmeichelhaft für das Ego und den dann folgenden Auftritt.

Die aktuellen Prozentzahlen der Sänger bleiben permanent im Bild eingeblendet. Das sorgt zweifelsfrei für eine unerwartet neue Spannung, die sich nicht nur unter dem Studiopublikum, der Jury und den Kandidaten, sondern auch vor dem Fernseher einstellt. Hier ist „Unser Star für Baku“ der Konkurrenz, „DSDS“ oder „The Voice“, einen Schritt voraus.

In der ersten Sendung betrachtet, ist die Live-Tabelle aber zugleich ein fragwürdiges Instrument. So sind die Zahlen bis zum Auftritt des letzten Kandidaten fast ausschließlich ein grafisch überflüssiges Beiwerk des Fernsehbilds oder maximal eine Moderations- und Argumentationshilfe für Rieß, Gätjen und die Jury im Studio. War der Auftritt kein hörbarer Reinfall, so steigt derjenige, der gerade auf der Bühne steht, schnell. Ein eindeutiges Stimmungsbild ließ sich nur selten ablesen, was die zitternden Kandidaten im Greenroom während der fast dreistündigen Show sicher um Jahre altern ließ.

Was bisher im verborgenen blieb, könnte bei einigen Zuschauern nun tatsächlich zu einem finanziellen Problem werden; und zwar dann, wenn der Favorit zwischen Platz fünf und dem „Arsch-Platz“ steht und ihn nur ein Wert hinter der Kommastelle vom Einzug in die nächste Runde trennt. Für jeden Anruf oder eine SMS kassiert der Sender hier 50 Cent. Zwar hat Raab auf der Pressekonferenz am Montag gescherzt, man solle doch lieber in den ARD-Shows zum Hörer greifen (hier beträgt die Gebühr lediglich 14 Cent pro Anruf), doch dann könnte es für den Favoriten längst zu spät sein.

Die Jury entscheidet


Der spannendste Teil folgt zum Schluss. Wenn die Jury plötzlich sieht, dass einer ihrer Lieblinge im Voting auf dem Absteigenden Ast liegt, wird kurzerhand dazu aufgerufen, schnell zum Hörer zu greifen. Mussten Call-In-Sender wie 9Live noch darauf hinweisen, stets auf das Telefonierverhalten zu achten, gelten für die transparente Casting-Show offenbar keine Limits. Erschreckend stellte sich in der Premiere heraus, wie beeinflussbar die Anrufer und damit auch das Ergebnis durch eine Bitte Raabs oder von Thomas D ist. So glichen sich die Prozentzahlen der ersten Fünf mehr und mehr an und wechselten rapide die Plätze. Am Ende schoss Shelly auf Platz eins vor.

Vernünftige Zuschauer werden auch in den kommenden Sendungen „Unser Star für Baku“ bis zum Ende warten, um dann anzurufen und – ungeachtet der Jury-Vorliebe – fair zu beurteilen. Erst dann hat man ein Bild der Kandidaten, die sich dem Nervenkitzel, der sichtlich als Adrenalin-Kick für Raab dient, aussetzen. Was darf es denn nun sein? Zehnminütige Marco-Schreyl-Monologe oder das fast schon manipulative Beeinflussen – aber mit Transparenz? Nächsten Donnerstag geht die Suche nach unserem Eurovision-Vertreter auf ProSieben weiter.


In seiner Kolumne „Abgesetzt“ wirft newsecho.de-Redaktionsleiter
Kevin Körber einen kritisch-amüsierten Blick auf das Drunter und Drüber der Medienwelt.
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