30.08.2010, 14:00 Uhr
Abgesetzt – Die Medien-Kolumne
Oliver Pocher hilft auch kein Botox
Von Kevin Körber
Sat.1 konnte sich in den vergangenen Monaten nicht über den Freitagabend beklagen. Mit „Die perfekte Minute“ und „Mein Mann kann“ etablierte der Münchner Sender zwei quotenstarke Showformate. Letzten Freitag kam die Ernüchterung.
Zwar endete die erste Staffel von „Mein Mann kann“ am Freitag vor einer Woche schwach, dennoch konnte Moderatorin Britt Hagedorn mit bis zu 16,2 Prozent Marktanteil in der Zielgruppe gute Werte für Sat.1 einfahren. Mit gleich drei neuen Sendungen wollte Sat.1 dann letzten Freitag in die neue Fernsehsaison starten. Von potenziellen Kochmeistern über rüstige Rentner bis hin zu Improvisation und der zweiten Staffel von Pochers Late-Night war alles dabei – nur die Quoten blieben aus.
Zugegeben: Man hatte es schwer, denn beim Konkurrenten RTL kehrte Günther Jauchs „Wer wird Millionär?“ zurück aus dem Sommerschlaf. Da half es auch nicht, dass Sat.1 erneut versuchte, eine Castingshow fernab der klassischen Suche nach Sängern, Tänzern, Models oder Freaks zu veranstalten. In „Deutschlands Meisterkoch“ treten – kurz erzählt – Kandidaten gegeneinander an, die allesamt einen Berufswunsch haben: Koch. Doch „Deutschlands Meisterkoch“ droht für Sat.1 schon nach der ersten Ausgabe ein weiteres dunkles Kapitel in Sachen Castingshow zu werden. Nur 7,5 Prozent der Zielgruppe schalteten zur Premiere ein.
Größere Chancen auf eine Quote über dem Sat.1-Senderschnitt würde man da schon eher der neuen Impro-Comedy „Wir müssen reden!“ zugestehen. Die Impro-Profis Cordula Stratmann und Annette Frier (beide gehörten zur Ur-Besetzung der „Schillerstraße“) treffen sich als Cordula van Grooten und Annette Pfeiffer wöchentlich bei ihrem Stamm-Italiener „Trinarchria“ um über die Geschehnisse der vergangenen Woche zu plaudern. Dabei erhalten die Hauptdarstellerinnen ein kurz skizziertes Szenario, um das sich ihr 30-minütiges Gespräch drehen soll. Ein „Schillerstraße“-Klon, der sich jedoch fast ausschließlich auf Stratmann und Frier konzentriert – auch der Knopf im Ohr für spontane Regieanweisungen fehlt bei „Wir müssen reden!“. Als Nebenrolle tritt von Zeit zu Zeit lediglich Kellner Stephano auf, der nicht nur die Beiden sondern auch die Zuschauer mit abgedroschenen italienischen Klischees bedient. Unterstützt wird das Trio in Zukunft von prominenten Gästen wie Sat.1-Comedykollege Pastewka oder Til Schweiger.
Keine Frage: Alleine durch die Besetzung hat „Wir müssen reden!“ enormes Potenzial. Davon war in der Auftaktfolge allerdings wenig zu spüren. Dem Gespräch der zwei Freundinnen über künftige Familienplanung zu lauschen, konnte keine großen Lacher entlocken. Fast schon steif, jedoch bemüht wirkten Stratmann und Frier. Das gewisse Etwas fehlte und offenbarte schnell die vermeintliche Schwachstelle des Formats. Während auch die „Schillerstraße“ auf ihre Spielplätze beschränkt ist, erscheint diese Form der Impro-Show allemal lebendiger als „Wir müssen reden!“. Es fehlt der Spielleiter, der das Geschehen wieder in Bahnen lenkt, die den Zuschauer folgen lassen. In Folge eins gelang es nicht, eine Spannung im Hinblick auf den weiteren Sendungsverlauf aufzubauen. Das Belauschen von echten Gesprächen in einem Restaurant verspricht oft mehr unfreiwillige Unterhaltung. Mit 8,1 Prozent Marktanteil in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen lief es für die Impro-Serie immerhin besser als für das Kochcasting.
Auch die versteckte Kamera hält immer wieder Einzug ins Sat.1-Programm. Am Freitag startete man mit dem „R-Team“, Untertitel: „Die rüstige Rentner-Comedy“, einen erneuten Versuch. Das Konzept der Sendung ist altbekannt, einziger Unterschied zur klassischen versteckten Kamera ist, dass im „R-Team“ Rentner die Hauptrolle spielen und die Jugend auf der Straße veralbern. Zwar kann es einem das ein oder andere Lächeln entlocken, wenn ein in die Jahre gekommener, gebrechlicher Mann mit Skateboard unterm Arm zwei junge Mädels nach der nächsten Halfpipe und nach etwas Gras oder eine rüstige alte Dame einen Mitte 20-Jährigen nach einem Date für den Abend fragt. Die Darsteller spielen ihre Rolle erstaunlich gut und das Format gestaltete sich überraschend kurzweilig; Innovation sucht man hier aber vergebens. Auch der Sender Comedy Central versuchte bereits die Rolle der Lockvögel einer versteckten Kamera neu zu besetzen: dort spielten in „Para-Comedy“ behinderte Menschen die Hauptrolle. Mit 9,0 Prozent Marktanteil kam das „R-Team“ immerhin in die Nähe des Senderschnitts.
Ebenfalls 9,0 Prozent der Zielgruppe blieben im Anschluss zum Start der neuen Staffel der „Oliver Pocher Show“ am Fernseher hängen. Nach den 60 Minuten werden sich aber wohl viele die Frage stellen, wofür eigentlich. Schon erstaunlich genug, dass Sat.1 Pocher eine zweite Staffel gönnte, wollte man endgültig weg vom anfänglich selbst aufdiktierten Late-Night-Image. Geblieben ist quasi ein etwas edlerer Rahmen für Pochers ehemalige ProSieben-Show „Rent a Pocher“. Die damals als neu- und einzigartig angekündigte steilste Showtreppe der Welt wurde abgebaut um Pocher mehr Platz für Aktionen mit Zuschauern und Gästen zu bieten. Bei diesen wollte man in Staffel zwei weg von den B-Promis, die versuchen, ihre neueste CD an den Mann zu bringen oder für eine ProSiebenSat.1-Produktion cross zu promoten. Konzentrieren will man sich in der neuen Staffel lieber auf ganz normale Menschen, die besondere Talente vorweisen können.
Was sich die Pocher-Produktion genau darunter vorstellt, kann nach der ersten Sendung nicht ganz beantwortet werden. Die Begrüßung übernahm Haudrauf-Komikerin Cindy aus Marzahn, die zwar für ihr Bühnenprogramm in der Lanxess-Arena in Köln warb, aber erfrischend offen und ehrlich den üblichen „Nur noch wenige Restkarten“-Phrasen mit „Noch 4.000 Karten sind da – ich bin ehrlich!“ sympathisch entgegenwirkte.
Neben Einspielern im typischen Pocher-Stil, in denen er beispielsweise einen Lachclub besuchte oder als Kanzlerin Merkel das Thema Social Media zu erklären versuchte (auch über die Sommerpause hinweg wurde aus ihm übrigens kein Imitator, wie er es sich scheinbar wünscht) begrüßte er als Gäste die Botox-Boys, die erst kürzlich durch ein Musikvideo namens „Ein Wunder“ gemeinsam mit „Woher kommt die eigentlich?“-Sternchen Kader Loth im Internet auf sich aufmerksam machten. Thematisch passend und ganz kerneresk lud Pocher dann einen Arzt ein und ließ sich in der Sendung Botox in die Stirn spritzen. Beim Microbloggingdienst Twitter scherzte „celebritta“: „Oliver Pocher lässt sich im Fernsehen eine Botoxspritze geben! Und das nächste Mal wird dann der Bauch weggesaugt!“ „Radio_Disco_Fox“ analysierte treffend: „Ob das auch gegen die faltige Quote hilft?“
Fest steht, dass Sat.1 sich mit der neuen Programmierung am Freitag bisher keinen Gefallen getan hat. Ob man sich nach der zweiten oder dritten Woche mit schlechten Marktanteilen in Folge dazu entscheiden wird, beispielsweise „Deutschlands Meisterköche“ einen „optimierten“ Sendeplatz zu geben, kommt auf das Durchhaltevermögen in Unterföhring und nicht zuletzt auf die verfügbaren Alternativen an. Dennoch dürfte man schon heute der zweiten Staffel der „perfekten Minute“ mit Ulla Kock am Brink mit großer Freude entgegenfiebern.
In seiner Kolumne „Abgesetzt“ wirft newsecho.de-Redaktionsleiter Kevin Körber einen kritisch-amüsierten Blick auf das Drunter und Drüber der Medienwelt.
Zugegeben: Man hatte es schwer, denn beim Konkurrenten RTL kehrte Günther Jauchs „Wer wird Millionär?“ zurück aus dem Sommerschlaf. Da half es auch nicht, dass Sat.1 erneut versuchte, eine Castingshow fernab der klassischen Suche nach Sängern, Tänzern, Models oder Freaks zu veranstalten. In „Deutschlands Meisterkoch“ treten – kurz erzählt – Kandidaten gegeneinander an, die allesamt einen Berufswunsch haben: Koch. Doch „Deutschlands Meisterkoch“ droht für Sat.1 schon nach der ersten Ausgabe ein weiteres dunkles Kapitel in Sachen Castingshow zu werden. Nur 7,5 Prozent der Zielgruppe schalteten zur Premiere ein.
Größere Chancen auf eine Quote über dem Sat.1-Senderschnitt würde man da schon eher der neuen Impro-Comedy „Wir müssen reden!“ zugestehen. Die Impro-Profis Cordula Stratmann und Annette Frier (beide gehörten zur Ur-Besetzung der „Schillerstraße“) treffen sich als Cordula van Grooten und Annette Pfeiffer wöchentlich bei ihrem Stamm-Italiener „Trinarchria“ um über die Geschehnisse der vergangenen Woche zu plaudern. Dabei erhalten die Hauptdarstellerinnen ein kurz skizziertes Szenario, um das sich ihr 30-minütiges Gespräch drehen soll. Ein „Schillerstraße“-Klon, der sich jedoch fast ausschließlich auf Stratmann und Frier konzentriert – auch der Knopf im Ohr für spontane Regieanweisungen fehlt bei „Wir müssen reden!“. Als Nebenrolle tritt von Zeit zu Zeit lediglich Kellner Stephano auf, der nicht nur die Beiden sondern auch die Zuschauer mit abgedroschenen italienischen Klischees bedient. Unterstützt wird das Trio in Zukunft von prominenten Gästen wie Sat.1-Comedykollege Pastewka oder Til Schweiger.
Keine Frage: Alleine durch die Besetzung hat „Wir müssen reden!“ enormes Potenzial. Davon war in der Auftaktfolge allerdings wenig zu spüren. Dem Gespräch der zwei Freundinnen über künftige Familienplanung zu lauschen, konnte keine großen Lacher entlocken. Fast schon steif, jedoch bemüht wirkten Stratmann und Frier. Das gewisse Etwas fehlte und offenbarte schnell die vermeintliche Schwachstelle des Formats. Während auch die „Schillerstraße“ auf ihre Spielplätze beschränkt ist, erscheint diese Form der Impro-Show allemal lebendiger als „Wir müssen reden!“. Es fehlt der Spielleiter, der das Geschehen wieder in Bahnen lenkt, die den Zuschauer folgen lassen. In Folge eins gelang es nicht, eine Spannung im Hinblick auf den weiteren Sendungsverlauf aufzubauen. Das Belauschen von echten Gesprächen in einem Restaurant verspricht oft mehr unfreiwillige Unterhaltung. Mit 8,1 Prozent Marktanteil in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen lief es für die Impro-Serie immerhin besser als für das Kochcasting.
Auch die versteckte Kamera hält immer wieder Einzug ins Sat.1-Programm. Am Freitag startete man mit dem „R-Team“, Untertitel: „Die rüstige Rentner-Comedy“, einen erneuten Versuch. Das Konzept der Sendung ist altbekannt, einziger Unterschied zur klassischen versteckten Kamera ist, dass im „R-Team“ Rentner die Hauptrolle spielen und die Jugend auf der Straße veralbern. Zwar kann es einem das ein oder andere Lächeln entlocken, wenn ein in die Jahre gekommener, gebrechlicher Mann mit Skateboard unterm Arm zwei junge Mädels nach der nächsten Halfpipe und nach etwas Gras oder eine rüstige alte Dame einen Mitte 20-Jährigen nach einem Date für den Abend fragt. Die Darsteller spielen ihre Rolle erstaunlich gut und das Format gestaltete sich überraschend kurzweilig; Innovation sucht man hier aber vergebens. Auch der Sender Comedy Central versuchte bereits die Rolle der Lockvögel einer versteckten Kamera neu zu besetzen: dort spielten in „Para-Comedy“ behinderte Menschen die Hauptrolle. Mit 9,0 Prozent Marktanteil kam das „R-Team“ immerhin in die Nähe des Senderschnitts.
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Was sich die Pocher-Produktion genau darunter vorstellt, kann nach der ersten Sendung nicht ganz beantwortet werden. Die Begrüßung übernahm Haudrauf-Komikerin Cindy aus Marzahn, die zwar für ihr Bühnenprogramm in der Lanxess-Arena in Köln warb, aber erfrischend offen und ehrlich den üblichen „Nur noch wenige Restkarten“-Phrasen mit „Noch 4.000 Karten sind da – ich bin ehrlich!“ sympathisch entgegenwirkte.
Neben Einspielern im typischen Pocher-Stil, in denen er beispielsweise einen Lachclub besuchte oder als Kanzlerin Merkel das Thema Social Media zu erklären versuchte (auch über die Sommerpause hinweg wurde aus ihm übrigens kein Imitator, wie er es sich scheinbar wünscht) begrüßte er als Gäste die Botox-Boys, die erst kürzlich durch ein Musikvideo namens „Ein Wunder“ gemeinsam mit „Woher kommt die eigentlich?“-Sternchen Kader Loth im Internet auf sich aufmerksam machten. Thematisch passend und ganz kerneresk lud Pocher dann einen Arzt ein und ließ sich in der Sendung Botox in die Stirn spritzen. Beim Microbloggingdienst Twitter scherzte „celebritta“: „Oliver Pocher lässt sich im Fernsehen eine Botoxspritze geben! Und das nächste Mal wird dann der Bauch weggesaugt!“ „Radio_Disco_Fox“ analysierte treffend: „Ob das auch gegen die faltige Quote hilft?“
Fest steht, dass Sat.1 sich mit der neuen Programmierung am Freitag bisher keinen Gefallen getan hat. Ob man sich nach der zweiten oder dritten Woche mit schlechten Marktanteilen in Folge dazu entscheiden wird, beispielsweise „Deutschlands Meisterköche“ einen „optimierten“ Sendeplatz zu geben, kommt auf das Durchhaltevermögen in Unterföhring und nicht zuletzt auf die verfügbaren Alternativen an. Dennoch dürfte man schon heute der zweiten Staffel der „perfekten Minute“ mit Ulla Kock am Brink mit großer Freude entgegenfiebern.
In seiner Kolumne „Abgesetzt“ wirft newsecho.de-Redaktionsleiter Kevin Körber einen kritisch-amüsierten Blick auf das Drunter und Drüber der Medienwelt.
























