Abgesetzt – Die Medien-Kolumne 1

„Innerer Reichsparteitag“ führt uns in Versuchung

Von Kevin Körber

Foto: DPA Foto: DPA «Umgangssprachlicher Ausdruck, der nicht in die Fernsehsprache gehört»: ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein (mit Oliver Kahn) sprach am Sonntag vom «inneren Reichsparteitag».

Endlich hat Deutschland wieder einen Skandal – und das auch noch während der Fußball-Weltmeisterschaft. ZDF-Sportmoderatorin Katrin Müller-Hohenstein sprach vom „inneren Reichsparteitag“ und löst damit ein Stürmchen der Entrüstung aus.

Mal ehrlich: Was soll das schon wieder? Da dachte man, Deutschland sei bereits gänzlich dem WM-Fieber verfallen und von Vuvuzela-Lärm betäubt, da verfallen einige direkt wieder der deutschen Meckermentalität, Klugscheißerei und ihrer Lieblingsdiziplin: dem Alles-auf-die-Goldwaage-legen. Und warum? Weil es sich ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein in der Halbzeitpause der gestrigen WM-Partie Deutschland gegen Australien anmaßte, eine Formulierung zu benutzen die – zugegeben – vielleicht in diesem Moment irgendwie befremdlich und fehl am Platze schien, dennoch eigentlich für keinerlei Aufregung sorgen sollte.

„Das war für Miro Klose doch ein innerer Reichsparteitag, jetzt mal ganz im Ernst. Dass er heute hier trifft.“ Frau Müller-Hohenstein meinte damit, dass den fast schon dauerhaft diskutierten und in letzter Zeit glücklosen Torschützen Miroslav Klose ein Gefühl tiefster Befriedigung nach seinem Treffer ereilt haben muss. Das bedeutet dieser Ausspruch nämlich in erster Linie. Mit ihm wollte sie die Genugtuung Kloses zum Ausdruck bringen. Zwar lässt sich darüber streiten, ob den Millionen Fernsehzuschauern die exakte Bedeutung dieser Redensart nun hinlänglich bekannt ist und ob Frau Müller-Hohenstein diese lieber weiterhin in privater Runde hätte zum Einsatz bringen sollen. Doch aus dieser „Reichsparteitag“-Affäre nun einen neuen Eva-Herman-Aufreger oder gar einen handfesten Nazi-Skandal zu schustern, ist – mit Verlaub – lächerlich.

In Zeiten des Web 2.0 bleibt dieser Fauxpas natürlich niemandem mehr verborgen und so kochten die Emotionen binnen Minuten hoch. Bei Twitter hieß es größtenteils entrüstet: „Das ging gar nicht!“ Katrin Müller-Hohenstein sollte vom ZDF gefeuert werden, echauffierten sich sogar einige User. Schnell stieg der Hashtag #reichsparteitag in die weltweiten Twitter-Trending-Topics auf. Wenige Minuten nach der für einige fragwürdigen Aussage war der Ausschnitt bereits auf YouTube zu bewundern, auf Facebook haben sich mehrere Anti-Müller-Hohenstein-Gruppen gebildet.

„Tabellenführer-Hauptquartier“

In den Boulevard-Redaktionen dürfte man sicher mit großer Freude auf diesen Moment reagiert haben. In Kürze wurden Artikel zur verbalen Entgleisung Müller-Hohensteins zusammengeklöppelt, die „B.Z.“ orakelte sogar anmaßend bereits über das Karriereende der Sportmoderatorin. Die Headline dazu: „Nazi-Spruch – ZDF-Skandal! Müller-Hohenstein vor dem Aus?“ Von „Nazi-Ausdrücken im ZDF“ spricht der Kölner „Express“. Die „Welt Online“ liefert als Service heute sogar Sätze, die Frau Müller-Hohenstein zum Glück gestern nicht während der Live-Sendung fallen ließ. „Gut für Deutschland, dass der Stürmer wieder da ist!“, „Hihi, das musste ja schief gehen: Bei den Australiern stand ein Schwarzer im Tor“ oder „Die deutsche Mannschaft befindet sich auf dem Weg ins Tabellenführer-Hauptquartier“ heißt es in der Klickstrecke, die immerhin als Satire gekennzeichnet ist. Verwunderlich: Gerade letztere Springer-Publikation scheint ein großer Freund des „inneren Reichsparteitags“ zu sein, wie Medienjournalist Stefan Niggemeier in seinem Blog dokumentiert.

Auch wenn es meiner Ansicht nach überflüssig erscheint, natürlich musste das ZDF um Verzeihung bitten: „Es war eine sprachliche Entgleisung im Eifer der Halbzeitpause. Wir haben mit Katrin Müller-Hohenstein gesprochen, sie bedauert die Formulierung. Es wird nicht wieder vorkommen“, kommentierte ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz die hochgeschaukelten Emotionen. Konsequenzen wird der olle Nazispruch keine mit sich ziehen.

Wäre ja auch noch schöner. In diesem einen Moment wählte Frau Müller-Hohenstein also vielleicht den falschen Vergleich – ja und? Man kann froh sein, dass sich morgen niemand mehr für dieses medial künstlich aufgeblasene Skandälchen interessieren wird. Einigkeit kann meiner Ansicht nach einzig und alleine bestehen, indem festgestellt wird, dass ein umgangssprachlicher Ausdruck wie der „innere Reichsparteitag“ nicht in die Moderationssprache gehört. Vielleicht legte Katrin Müller-Hohenstein einfach zu viele Emotionen in ihre Moderation. Sollte bitte nicht wieder vorkommen, Frau KMH.

Wer Skandale sucht, wird fündig

Generell muss ab sofort gelten: Deutsche Stürmer sollten mit Vorsicht zu genießen sein. Außerdem ist besser Acht zu geben, dass die deutsche Elf nicht zu viel über rechts spielt. Von blitzartigen Angriffen muss bitte Abstand genommen werden, ebenso wie von Auswärtssiegen in Südafrika dringlich abzuraten ist, schreibt Kolumnist Deniz Yücel in der „taz“. Und Philipp Lahm? Soll seine Führerrolle bitte keinesfalls zu ernst nehmen. Dann kann bis zum 11. Juli gar nichts schief gehen, denn wir wollen doch nicht nochmal in Versuchung geführt werden?

In seiner Kolumne „Abgesetzt“ wirft newsecho.de-Redaktionsleiter Kevin Körber einen kritisch-amüsierten Blick auf das Drunter und Drüber der Medienwelt.
1 Kommentar
  • eloforever
    14.06.2010, 16:43 Uhr
    1

    Der Artikel trifft den Nagel auf den Kopf, dem ist nichts mehr hinzuzufügen!

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