Abgesetzt – Die Medien-Kolumne
Das Fernsehen spielt wieder Gott
Von Kevin Körber
Wer in Deutschland fern sieht, braucht schon ein starkes Nervenkostüm. Längst sind es nicht mehr die ach so verteufelten täglichen Talk- oder Gerichtsshows, Klingelton-Werbespots, dubiose Telefongewinnspiele oder Kartenlegerinnen, denen man zu Hause nicht mal ein Glas Leitungswasser anbieten würde, aus Angst, sie würden einem die Wohnung plündern.
Großbaustelle: Mensch
Aber Fernsehdeutschland will befriedigt werden und so scheint es kaum verwunderlich, dass sich die kreativen Produzenten der Republik stets etwas Neues einfallen lassen müssen. Der neueste Trend scheint auch schon gefunden und so heißt die nächste Baustelle der TV-Lebenshilfe: Schönheits-Operation. Klar, schließlich plaudern doch genügend Prominente völlig offen darüber, dass sie an sich rumschnippeln haben lassen. Und die Schönheits-OP ist immer noch für einen Aufreger gut, schließlich handelt es sich dabei um ein Thema, das an die Emotionen und die Werte appelliert. Schön extrem, schön kontrovers – genau der richtige Stoff für einen Sender wie RTL2 und seine Zuschauer. Die Quoten aus Staffel eins des Doku-Soap-Spektakels spiegeln wieder, was das Publikum vorgesetzt bekommen möchte.
Nun schafft RTL2 also ab kommenden Montag bereits in der zweiten Staffel ein Umfeld für all diejenigen, die sich längst nicht mehr nur mit der Neugestaltung der Wohnung begnügen – auch wenn bei „Extrem schön!“ ebenfalls gebohrt und gewerkelt wird, bis die noch so kleine Restfalte im Gesicht um Gnade winselt. Die Sendung erzählt unter anderem die Geschichte der 41-jährigen Nicole, die mit abstehenden Ohren, schlechten Zähnen und einem zu kleinen Busen an sich „nichts Weibliches“ feststellen kann, heißt es in der Presseinformation des Senders. Ohne die neue Staffel vorab gesehen zu haben, werden die Macher von „Extrem schön!“ das Leiden der Kandidaten mit Sicherheit genügend würdigen, um auch dem letzten Zuschauer des Programms deutlich zu machen, dass es sich hier wirklich um eine Hilfe handeln und nicht etwa, um das Fernsehen Gott spielen zu lassen. Jemand zweifelt noch an den guten Taten von RTL2? Auch für den noch so gewieften und cleveren Zapping-Zombie, der möglicherweise noch von „Big Brother“ hängen geblieben ist, halten die Macher etwas in der Hinterhand und rufen das Kompetenzteam der besten Ärzte, Psychologen, Fitnesstrainer und Ernährungsberater Deutschlands auf den Plan. Diese Götzenbilder ihrer Zunft begleiten die Show-Teilnehmer durch „acht Wochen Entbehrungen und Schmerzen“, so der Sender.
Im Programm nichts Neues
Doch nehmen wir RTL2 in Schutz; vor dem Münchner Sender haben schon andere versucht, mit dem emotionalen Thema Schönheits-OP Quote zu machen. Verona Pooth, damals noch Feldbusch, präsentierte 2004 auf ProSieben „The Swan – Endlich schön!“. Das Konzept: Aus einem hässlichen Entlein einen schönen Schwan zaubern – mit allen Mitteln. Das Original stammt natürlich aus Amerika, dem Land, in dem Schönheitsoperationen fast schon so alltäglich sind, wie hierzulande das Müsli zum Frühstück. Doch in Deutschland geriet das Format schnell in die Kritik, noch im gleichen Jahr der Ausstrahlung wurde die Initiative „Koalition gegen den Schönheitswahn“ der Bundesärztekammer ins Leben gerufen. Diese stellte Sendungen wie „The Swan“ an den Pranger und plädierte für eine verantwortungsbewusstere Darstellung der schönheitschirurgischen Eingriffe, die dann auch noch von Kameras begleitet werden müssen.
„Schöne Menschen haben es besser“
Doch nicht nur Menschen von nebenan lassen öffentlich das Messer an sich ansetzen. Prominentestes Beispiel für chirurgische Eingriffe im Scheinwerferlicht ist die abgehalfterte Brigitte Nielsen. Sie gewährte für RTL in der „Promi-Beauty-Klinik“ tiefe Einblicke und der voyeuristisch veranlagte Zuschauer konnte „hautnah“ dabei sein, wie sich die Nielsen ihren Balkon und die Fassade erneuern ließ. Auch hier hagelte es Kritik, doch unterscheidet sich die „Promi-Beauty-Klinik“ in einem nicht zu verachtenden Detail von „Extrem schön!“ – hier will ein dänischer B-Promi an sich rumschneiden lassen, um wieder jünger und attraktiver zu wirken. Vermutlich kassierte Brigitte Nielsen auch noch eine Menge Geld für ihre Eingriffe. Wer würde darauf schon verzichten? In der neuen RTL2-Sendung hingegen geht es um Menschen, die – das ist gar nicht anzuzweifeln – unzufrieden mit sich und ihrem Aussehen sind. Anders als die Nielsen sehen sie in dieser Sendung vielleicht sogar ihre letzte Chance und werfen dafür auch ihre Bedenken und möglicherweise sogar ihre Prinzipien schnell über Bord.
Schönheits-OP-Shows besitzen nach wie vor einen faden Beigeschmack. Operative Eingriffe werden verharmlost und zielen hauptsächlich darauf ab, ein Stück vom Quotenkuchen einzuheimsen. Ärzte präsentieren sich vor einem Millionenpublikum, machen sich dadurch schlicht und ergreifend unseriös.
Der Preis für Schönheit ist wahrlich hart, doch was nimmt man nicht alles in Kauf, um „Extrem schön!“ zu werden. Denn RTL2 weiß: „Schöne Menschen haben es besser: Schöne Babys bekommen mehr Zuwendung, schöne Erwachsene haben mehr Erfolg – im Beruf und im Privatleben“. Eine reichlich armselige Ansicht von Attraktivität, der ein Facelifting ebenso gut zu Gesicht stehen würde.
In seiner Kolumne „Abgesetzt“ wirft newsecho.de-Redaktionsleiter Kevin Körber jeden Montag einen kritisch-amüsierten Blick auf das Drunter und Drüber der Medienwelt.
























