Abgesetzt – Die Medien-Kolumne

„Gottschalk Live“ braucht Zeit

Von Kevin Körber

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Foto: DPA TV-Moderator Thomas Gottschalk und Michael „Bully“ Herbig posieren in Berlin nach der Premiere der ARD-Vorabendshow „Gottschalk Live“.

Gespannt warteten eine ganze Branche und die Zuschauer auf die Premiere von Thomas Gottschalks Wohnzimmershow im Vorabendprogramm der ARD. Was am Montagabend über den Bildschirm flimmerte, war allerdings eher Testlauf statt mitreißende Uraufführung. „Gottschalk Live“ braucht Zeit – in allen Belangen.

Entspannte Gottschalk-Ego-Plauderei, Presseschau, interaktive Social-Media-Sendung, Talkrunde oder doch die neue Dauerwerbeinsel des ARD-Vorabends? Was genau „Gottschalk Live“ ist, lässt sich nach der Premiere am Montagabend noch nicht ausmachen. Ich persönlich schätze Thomas Gottschalk und seine Art, sich über jede Art von Thema äußern zu können. Daher wollte ich ganz bewusst einige Stunden nach der Erstausstrahlung verstreichen lassen, um ein vorläufiges Urteil zur Sendung fällen zu können.

„Eine halbe Stunde Happy Hour. Also: Halbe Happy Hour“ verspricht Gottschalk gleich zu Beginn der Show. Überhaupt dienten die ersten zehn Minuten von „Gottschalk Live“ lediglich dazu, dem Zuschauer erst mal zu erläutern, was der Entertainer überhaupt in seinem stylischen und durchaus gemütlichen Fernsehwohnzimmer vor hat. Die Redaktion wird vorgestellt und es wird ein nettes – wenngleich nicht gänzlich frei improvisiertes – Schwätzchen gehalten. „Das ist Caro. Caro ist ganz wichtig, weil Caro ist gleich Social Media.“ Mit dieser Verbindung ins Netz, mit der Gottschalk schon vor seiner ersten Sendung durch Twitter-Kabbeleien zwischen Harald Schmidt und ihm in der Presse für Aufsehen sorgte, könnte ihm tatsächlich etwas gelingen, was ehrenwert ist, nämlich die reifere Zielgruppe diesbezüglich an die Hand zu nehmen. „Der ältere ARD-Zuschauer wird jetzt so langsam von mir an diese Themen herangeführt werden, irgendwann werde ich Ihnen erklären, was Hashtags sind.“

Danach ging es am großen Schreibtisch um Klatsch und Tratsch aus der Boulevardpresse. Natürlich lässt es sich Gottschalk hier nicht nehmen, über die Trennung von Heidi Klum und Sänger Seal zu reden. Hier ist er in seinem Element, hier kann er getrost auf sämtliche Society-Experten verzichten. Denn Gottschalk kennt sie fast alle und verpasst der ARD-Show in diesen Minuten sofort seinen Stempel. Da wird auch nicht davor zurückgeschreckt, erneut den alten Ausschnitt seiner RTL-Late-Night auszukramen, in der Heidi Klum zum ersten Mal der breiten Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Man konnte hier meinen, Gottschalk habe sich in sein Privatarchiv zurückgezogen und zeigte sich gerade von seiner redseligen Seite in einem Videoblog. Schließlich geht es in der neuen Show um das, „was Sie interessiert und was mich interessiert – ich hoffe, das ist manchmal das Gleiche“, beschrieb der 61-jährige Moderator die Sendung zu Beginn sehr passend.

Ohne Frage bildete der Talk mit Michael „Bully“ Herbig den desaströsesten Teil des 30-minütigen Formats. Da halfen auch die schnell angezogenen Hausschuhe nicht, um dem Gespräch so etwas wie Privatsphäre zu verleihen – der Talk war ein einziges Hetzen, in dem „Bullys“ neuer Film „Zettl“ beworben wurde. Einzigartige Momente blieben alleine durch die drei Werbepausen aus, die das Gespräch gefühlt alle zwei Minuten unterbrachen. Mal Splitscreen-Werbung, mal ein Werbebreak mit anschließendem ARD-Wetter, das wie ein Fremdkörper innerhalb der Sendung wirkte. Ebenso deplatziert saßen dann Thomas Gottschalk und „Bully“ Herbig auf den Sesseln, als der letzte Teil der Sendung gerade mal zwei Minuten dauerte und eine noch ausstehende Antwort auf Gottschalks Frage im Eiltempo gegeben werden musste.

Hier ist das Feintuning in der ersten Sendung schlichtweg misslungen. Weder die Anmoderation der Werbung, noch die Übergabe zum Wetter waren elegant und wirkten fast, als sei die Crew plötzlich damit überrascht worden, jetzt einen Break einschieben zu müssen. Fing „Gottschalk Live“ entspannt an, endete die Sendung viel zu chaotisch, hektisch und unübersichtlich. Ob dies nun an einem zu straffen Ablauf lag, an länger als vorgesehenen Einzeltakes von Gottschalk oder an der mitschwingenden Aufregung einer ersten Sendung, werden nur die Macher wissen.

Dennoch war offensichtlich, was „Gottschalk Live“ schon jetzt fehlt: Zeit. Nicht nur um, wie in der heutigen Sendung, gleich zwei Gäste – Schauspieler Armin Rohde und Fußball-Kaiser Franz Beckenbauer – kompatibel mit der Werbung unterzubringen. Nein, man muss auch Gottschalk und seinem Team die nötige Zeit einräumen, um das perfekte Zusammenspiel zwischen Gottschalks Erzählungen, Internetwelt und Gästen zu finden. Dies in 30 Minuten Sendezeit zu packen, stellt sicherlich eine der größten Herausforderungen dar. Denn für eine dauerhafte und ersthafte Positionierung im Bereich Social Media genügt es nicht, dass lediglich ein Tweet während der Sendung über den offiziellen Account abgesetzt und Gottschalk eine halbe Stunde nach der Show vor den Chat gesetzt wird.

„Gottschalk Live“ kann eine charmante Rolle im Vorabend einnehmen, wenn die Instrumente dazu richtig eingesetzt werden und Gottschalk selbst im neuen Umfeld ohne direktes Publikum, dafür aber mit Werbepausen, erst mal warm wird. Diese Zeit sollten wir ihm einräumen.

In seiner Kolumne „Abgesetzt“ wirft newsecho.de-Redaktionsleiter
Kevin Körber einen kritisch-amüsierten Blick auf das Drunter und Drüber der Medienwelt.
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