Abgesetzt – Die Medien-Kolumne

Lenas Sieg: Stefan Raabs Eintrag ins TV-Geschichtsbuch

Von Kevin Körber

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Foto: DPA Vater des Erfolgs: Lena-Entdecker Stefan Raab feiert nach dem Eurovisionsgewinn.

Lena Meyer-Landrut hat das Wunder von Oslo vollbracht. Sie hat als zweite deutsche Vertreterin nach Nicole im Jahr 1982 den Eurovision Song Contest gewonnen und holt damit den Grand Prix nach Deutschland. Doch nicht nur Lena ist an diesem Abend Sieger.

Gegen Mitternacht war klar, dass auch die zweitplatzierte Türkei die 19-jährige Hannoveranerin nicht mehr einholen konnte. Am Ende sammelten sich 246 Punkte auf Lenas Grand-Prix-Punktekonto, aus neun Ländern hieß es sogar „Germany, 12 Points!“. Lena Meyer-Landrut wird nach diesem Samstagabend in die Geschichte eingehen. Sie wird mit ihrem kometenhaften Aufstieg auch noch Jahre später in Sendungen rund um den Eurovision Song Contest zu Gast sein als die deutsche Künstlerin, der es gelang, den Grand-Prix-Bann nach 28 Jahren zu brechen.

Was wurde in den letzten Jahren nicht alles über den Contest getitelt. Nie wieder, so der Tenor, könne Deutschland gewinnen. Zu stark seien die Ostblockstaaten, die sich wieder und wieder gegenseitig die Punkte zuschanzten. Ein neues Regelwerk war also dringend nötig, um die größten Geldgeber der European Broadcasting Union (EBU) – England, Frankreich, Spanien und Deutschland – nicht zu verlieren. Durch die Halbfinals und die Einführung einer Länderjury im letzten Jahr wurde der Song Contest spannender; 2010 bewies Lena, dass es auch für ein Land wie Deutschland wieder möglich ist, beim Grand Prix zu siegen.

Am Samstag machte sich Stefan Raab unsterblich

Doch neben Lena Meyer-Landrut gibt es an diesem Abend einen Gewinner, der sich mit seinem Engagement, dem deutschen Vorentscheid wieder neues Leben einzuhauchen, sicher unsterblich gemacht hat: Stefan Raab. Nachdem Raab selbst 1998 als Produzent von Guildo Horns „Guildo hat Euch lieb“ und 2000 als Sänger („Wadde hadde dudde da?“) die deutsche Vorauswahl gewinnen konnte, schickte er 2004 Neuentdeckung Max Mutzke ins Rennen. Seine ProSieben-Show „SSDSGPS“ („Stefan sucht den Super-Grand-Prix-Star“) diente als Casting-Plattform, deren Sieger eine Wild Card für den Vorentscheid erhielt. Dort wählten die Zuschauer Mutzke dann zum deutschen Vertreter in der Türkei, unter 24 Teilnehmern erreichte er Platz acht.

Schon damals versuchte Stefan Raab den Eurovision Song Contest zu revolutionieren, ihn für das Publikum endlich interessant zu machen. Doch nach dem – immer noch sehr guten achten Platz – von Hoffnungsträger Max Mutzke, kam auch der TV-Entertainer zu der Erkenntnis, dass der Grand Prix aufgrund der Ostblockdominanz quasi nicht mehr zu gewinnen sei. Das klang damals fast nach Resignation. Kurze Zeit später initiierte Raab mit dem „Bundesvision Song Contest“ seinen eigenen, stark an den Grand Prix angelehnten deutschen Gesangswettbewerb, um neuen deutschen Talenten aus allen Bundesländern eine große Plattform zu bieten.

In den kommenden Jahren platzierten sich die deutschen Eurovisions-Teilnehmer nur noch auf den hinteren Plätzen. Gracias „Run & Hide“ (2005) wurde sogar Letzter, auch die erfolgreiche Girlgroup No Angels konnte mit „Disappear“ nur auf dem vorletzten Platz landen. Einziger Lichtblick in den vergangenen Jahren: Texas Lightning, die mit „No no never“ Rang 15 belegten.

Wir wollen Talente, keine „Superstars“

Den Verantwortlichen war klar, dass möglichst schnell eine grundlegende Veränderung im Bezug auf die deutschen Vertreter stattfinden muss. Und so kam Stefan Raab ins Spiel. Denn so oft Raab mit seinen Grand-Prix-Spaßbeiträgen belächelt wurde: erfolgreich waren sie immer. Spätestens seit der sanften Stimme Max Mutzkes, der damit verbundenen Talentsuche und seinen Folgeentdeckungen wie Stefanie Heinzmann oder seinem Engagement für Deutschlands Nachwuchsmusiker war klar: Raab zeigte, wie junge Talente heute gesucht und auch gefunden werden können. Ganz ohne die aus Casting-Shows bekannten Bloßstellungen der teilnehmenden Kandidaten und mit Verzicht auf mediale Schlammschlacht in den Boulevard-Blättern der Nation. Die Botschaft: Vergesst Bohlen und Co., Schluss mit künstlichen „Superstars“ aus den Produktionsfabriken namens „DSDS“ oder „Popstars“.

Sein Händchen für gute Musik und dem ernsthaften Unterfangen, junge Talente zu fördern, machte ihn letztendlich auch für die öffentlich-rechtliche ARD interessant und brachte Raab als einzig echte Alternative ins Gespräch.

„Nationale Aufgabe von historischer Tragweite“

Doch bevor Raab auf der offiziellen Pressekonferenz im September 2009 verkünden konnte, die Suche nach einem deutschen Grand-Prix-Vertreter in Oslo aufzunehmen (er selbst verglich es mit dem Fall des Eisernen Vorhangs) schien es zunächst so, als ob die einmalige und erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen ARD und ProSieben schon früh zu scheitern drohe. Bevor es zum großen Coup kam, war von einem Platzen der Verhandlungen die Rede. Immer wieder war von komplizierten Entscheidungswegen seitens der ARD zu lesen, die auch zuvor immer wieder bemängelt wurden – beispielsweise von Günther Jauch oder Ex-ARD-Gesicht Oliver Pocher.

Für die große Koalition aus öffentlich-rechtlichem und privatem Sender setzte sich ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber ein, was letztendlich doch noch zum gewünschten Erfolg führte und eine bis dato einmalige Zusammenarbeit zwischen ARD, NDR, ProSieben und den öffentlich-rechtlichen Radiosendern ermöglichte. Immer wieder erwähnte er: „Raab hat die größte musikalische Glaubwürdigkeit.“

Stefan Raab selbst sprach auf der Pressekonferenz zur Kooperation von einer „nationalen Aufgabe von historischer Tragweite“. Jetzt, knapp neun Monate später, hört sich dieser Satz fast schon so an, als hätte Raab es instinktiv gespürt, dass da etwas Großes gedeiht. Wie verstummt scheinen plötzlich die Kritiker, die über Raabs Vorhaben und das Gemeinschaftsprojekt gespottet haben. Die ARD würde dem Entertainer blind vertrauen, er würde als Zugpferd die Richtung vorgeben. Und genau das war die vielleicht beste und mutigste Entscheidung, die seit Jahren in der vermotteten öffentlich-rechtlichen Anstalt getroffen wurde.


Ausschnitt aus der Pressekonferenz zur ARD/ProSieben-Zusammenarbeit

Von A bis Z – das perfekte Gesamtpaket

Schon nach der ersten großen „Unser Star für Oslo“-Show erkannte man, wie ernst der TV-Metzger seinen Auftrag nahm. Und Raab gab das blinde Vertrauen, dass die ARD ihm schenkte, einfach weiter – reichte die Entscheidungsgewalt durch. Und zwar an die Zuschauer. In mehreren Shows konnte man sich ein Bild von den potenziellen Oslo-Kämpfern machen, wählte Schritt für Schritt den geeigneten Kandidaten. Selbst über den Song wurde demokratisch abgestimmt. Wen wundert es da noch, dass Lenas „Satellite“ binnen weniger Stunden nach der Finalrunde der Casting-Show in den Download-Charts durch die Decke schoss, sie gleich mit drei Titeln aus ihrem Album in den Single-Charts landete und einen Verkaufsrekord nach dem nächsten bricht? Deutschland hat gewählt, Deutschland wollte dieses Mädchen, Deutschland wollte diesen Song. Ohne großes Zutun Raabs hat sich das Land seinen Grand-Prix-Vertreter zusammengestellt. Das Resultat: kein Hexenwerk; nie stand man so geschlossen hinter einem deutschen Eurovisions-Teilnehmer wie hinter Lena Meyer-Landrut.

Vielleicht war es genau diese Überzeugung, diese Begeisterung und dieser Rückhalt aus den eigenen Reihen, die es Lena ermöglichten, so souverän in Norwegen aufzutreten. Die Euphorie, die sie schon durch die Castings trug, schwappte bis nach Oslo und innerhalb einer Woche gelang es ihr, die Presse vor Ort von sich zu überzeugen – stets mit Stefan Raab als Mentor an ihrer Seite.

Stefan Raab, Thomas Schreiber, die ARD, der NDR, ProSieben und Brainpool – sie haben alles richtig gemacht. Das Unterfangen, einen „Star für Oslo“ zu finden, verdient volle zwölf Punkte und wird – wen wundert‘s – nächstes Jahr seine Fortsetzung erfahren. Dennoch gilt es, sich nichts vorzumachen. Der Sieg beim Eurovision Song Contest 2010 ist vor allen Dingen Lena Meyer-Landruts Verdienst. Durch ihren Gesang und überhaupt durch ihre ganze Erscheinung verhalf sie Deutschland zum zweiten Grand-Prix-Titel nach 28 Jahren. Einigen wir uns doch einfach darauf, dass alles in einen Topf geworfen, wohl so etwas wie das oft zitierte „Gesamtpaket“ ist.

In seiner Kolumne „Abgesetzt“ wirft newsecho.de-Redaktionsleiter Kevin Körber einen kritisch-amüsierten Blick auf das Drunter und Drüber der Medienwelt.
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