12.04.2010, 11:59 Uhr
Abgesetzt – Die Medien-Kolumne
Fall-Studie: Deshalb funktioniert „Schlag den Raab“
Von Kevin Körber
Es war die 22. „Schlag den Raab“-Ausgabe, die am vergangenen Samstag nach ihrer kurzen Pause auf Sendung ging. Sie begann wie die vorherigen 21 Shows auch, doch kurz vor 23 Uhr zeigte sich einmal mehr, was diese Samstagabendshow ausmacht.
Nicht weniger als zwei Millionen Euro standen für Kandidat Hans Martin aus Stolpe auf Usedom auf dem Spiel, als er den Kampf gegen Moderator Stefan Raab am Samstagabend aufnahm. Der Mann, der zu Beginn der Sendung noch mit der Namensgleichheit eines Kandidaten zu kämpfen hatte, der im Herbst vergangenen Jahres die Antipathie des Publikums erntete und im Internet schnell den Spitznamen „Hass Martin“ verpasst bekam. Doch schnell wurde klar: mit dem 29-jährigen Arzt hatte „Schlag den Raab“ einen durchaus sympathischen Zeitgenossen gefunden, der Raab von Anfang an Paroli bot.
Doch obwohl Hans Martin am Ende der knapp viereinhalbstündigen Show den Jackpot von zwei Millionen Euro knackte und Raab, der im Spiel „Putten“ noch mal mit 50:41 Punkte rankam, im zweiten Matchball-Spiel „Was war wann?“ besiegte, wird es nicht der schnöde Mammon sein, der im Gedächtnis der Zuschauer bleiben wird.
„Es war ein hartes Stück Arbeit. Stefan Raab ist nicht klein zu kriegen“, resümierte der frisch gebackene Millionär nach der Show und dass es sich bei seiner Aussage nicht um leere Phrasen handelt, bewies Folge 22 der Raab-Show eindrucksvoll.
Es war der Fernsehmoment, auf den viele Zuschauer, die „Schlag den Raab“ nun seit dreieinhalb Jahren verfolgen, gewartet haben. Für die einen um zu sehen, wie Raab mit seiner großen Klappe (und so wird er von den meisten tatsächlich noch wahrgenommen) endlich in seine Schranken gewiesen wird. Für die anderen um die Bestätigung darin zu finden, dass das Showkonzept von „Schlag den Raab“ in Deutschland nahezu einzigartig ist.
Zur Halbzeit der Show gegen 23 Uhr stand „Mountainbike“ auf dem Plan. Während der ersten Runde auf dem Cross-Parcours der Schreckmoment für alle: Raab stürzt von seinem Mountainbike, fällt dabei ungebremst aufs Gesicht. Das Rad fällt über ihn, der Moderator bleibt am Boden liegen. Sichtlich bestürzt eilte nach dem Beenden der Runde auch sein Gegner Hans Martin zu ihm. Auch das Brainpool-Produktionsteam wusste offensichtlich nicht recht mit der Situation, die in den 21 vergangenen Shows bisher ausblieb, umzugehen. Der erfahrene Sport-Kommentator Frank Buschmann, der alle Wettkämpfe aus seiner Sprecherkabine begleitet, versuchte, die Situation in Worte zu fassen und war hierbei auch auf erste Informationen vom Spielfeld angewiesen.
Die Regieanweisung lautete: Abwarten. Keine Close-Aufnahmen bis klar sei, ob Raab schnell wieder auf die Beine kommt. Ein Arzt eilte herbei, doch der Moderator lag nach wie vor am Boden – untypisch für die unkaputtbare Kämpfernatur Stefan Raab. Nach Minuten des Bangens erreicht Frank Buschmann die erste Diagnose: Gehirnerschütterung. Bis zu diesem Zeitpunkt war immer noch fraglich, wie und ob überhaupt die Sendung fortgesetzt werden konnte.
Als Raab sich – zunächst noch sehr wackelig – wieder aufgerafft hatte und die Kameras wieder damit begonnen haben, das Geschehen auf dem Parcours einzufangen, war der Entertainer sichtlich vom Sturz gezeichnet. Doch nach kurzer Video-Analyse und dem Abklären seines Gesundheitszustandes mit dem zuständigen Arzt und Gastgeber Matthias Opdenhövel, wollte Raab es noch mal wissen und stieg erneut auf das Bike. Mit verschrammten Gesicht stürzte er wieder an der selben Stelle. In Runde drei war der „TV Total“-Moderator nur sehr langsam unterwegs. Die Punkte gingen an Herausforderer Hans Martin. Doch das war eher nebensächlich.
Fast schon benommen und unter Schock stehend informierte sich Raab fortan bei Opdenhövel, was eigentlich passiert sei. Von den letzten Mountainbike-Runden jedenfalls wusste er nichts mehr. Umso erstaunlicher, dass sich der harte Brocken von ProSieben im nächsten Spiel so fit gab, dass er die Punkte bei „Gabelstapler“ einheimsen konnte. Erst beim zehnten Spiel „Hochsprung“ musste Raab auf Rat des Arztes passen. Zu groß war das Risiko, mit seiner Gehirnerschütterung gegen Hans Martin anzutreten. Die Punkte gingen an den 29-jährigen Unfallchirurgen und ebneten ihm den Weg zu den zwei Millionen Euro, die er um 0.40 Uhr in Form von vier Koffern in die Luft hievte und sich von seinen Freunden und den Zuschauern feiern ließ.
Doch auch Raab war die Anerkennung des Studiopublikums und der in der Spitze 5,71 Millionen Zuschauer vor den Fernsehern sicher. Denn mit Folge 22 zeigte sich ein mal mehr, was „Schlag den Raab“ ausmacht: die Unberechenbarkeit. Fast vergisst selbst der eingefleischte Fernsehjunkie, dass es sich bei der Spielshow um eine Live-Sendung handelt. Darin zeigt sich, wie perfekt das Team vor und hinter den Kulissen inzwischen eingespielt ist. Meterhohe Bühnen- und Lichtinstallationen, die während der Musikeinlagen mitten im Studio stehen, sind binnen weniger Sekunden wieder verschwunden. Selbst große Spiele im Freien, die auf der gegenüberliegenden Straßenseite des Brainpool-Studios in Köln-Mühlheim aufgebaut werden, erscheinen selbstverständlich.
Hinzu kommen Situationen wie der Sturz am vergangenen Samstag. Wo Autoren gewollt versuchen, innerhalb einer Sendung Plots zu platzieren und Dramaturgie künstlich zu erzeugen, funktioniert bei „Schlag den Raab“ das Prinzip Zufall. Wer sich heutzutage traut, eine mehrstündige Live-Show in der Primetime zu platzieren der muss sich auf zwei stützende Pfeiler verlassen können: auf die Professionalität und die Spontaneität des Teams. Stimmen beide Faktoren, so muss man sich vor der Samstagabend-Konkurrenz wie „Deutschland sucht den Superstar“ oder „Verstehen Sie Spaß?“ unter keinen Umständen einschüchtern lassen und kann mit geschwellter Brust auf den Platz treten.
Inzwischen wurde die Show von ProSiebenSat.1 in insgesamt 16 Länder verkauft. Mal gilt es, einen stets wechselnden Moderator zu besiegen, in anderen Ländern treten die Kandidaten gegen Prominente an. Dennoch: das Format bleibt auf Stefan Raab zugeschnitten. Kein anderer kann so viel Ehrgeiz entwickeln, kein anderer ist so sehr Kampfschwein wie er. Das zeigen die im Vergleich eher enttäuschenden Quoten des Spin-offs „Schlag den Star“.
Als letzter Erfolgsfaktor gelten natürlich auch die Kandidaten. Man überlässt dem Zuschauer, wer gegen den ProSieben-Alleskönner antreten darf. Und recht schnell wird Studiopublikum wie Fernsehzuschauer klar, auf wessen Seite man sich schlägt. Mal fiebert man mit Sympathieträgern, mal tauchen die „Hass Martins“ der Nation auf der Bildfläche auf. Und dann kann man ja immer noch Raab die Daumen halten.
Was der Ex-Viva-Moderator mit „Schlag den Raab“ geschaffen hat, ist die neue Form der großen Samstagabendunterhaltung. Für viele Generationen heißt deren einziges Überbleibsel „Wetten, dass..?“. Doch ein ebenbürtiger Nachfolger ist schön längst da.
In seiner Kolumne „Abgesetzt“ wirft newsecho.de-Redaktionsleiter Kevin Körber jeden Montag einen kritisch-amüsierten Blick auf das Drunter und Drüber der Medienwelt.
Doch obwohl Hans Martin am Ende der knapp viereinhalbstündigen Show den Jackpot von zwei Millionen Euro knackte und Raab, der im Spiel „Putten“ noch mal mit 50:41 Punkte rankam, im zweiten Matchball-Spiel „Was war wann?“ besiegte, wird es nicht der schnöde Mammon sein, der im Gedächtnis der Zuschauer bleiben wird.
„Es war ein hartes Stück Arbeit. Stefan Raab ist nicht klein zu kriegen“, resümierte der frisch gebackene Millionär nach der Show und dass es sich bei seiner Aussage nicht um leere Phrasen handelt, bewies Folge 22 der Raab-Show eindrucksvoll.
Es war der Fernsehmoment, auf den viele Zuschauer, die „Schlag den Raab“ nun seit dreieinhalb Jahren verfolgen, gewartet haben. Für die einen um zu sehen, wie Raab mit seiner großen Klappe (und so wird er von den meisten tatsächlich noch wahrgenommen) endlich in seine Schranken gewiesen wird. Für die anderen um die Bestätigung darin zu finden, dass das Showkonzept von „Schlag den Raab“ in Deutschland nahezu einzigartig ist.
Zur Halbzeit der Show gegen 23 Uhr stand „Mountainbike“ auf dem Plan. Während der ersten Runde auf dem Cross-Parcours der Schreckmoment für alle: Raab stürzt von seinem Mountainbike, fällt dabei ungebremst aufs Gesicht. Das Rad fällt über ihn, der Moderator bleibt am Boden liegen. Sichtlich bestürzt eilte nach dem Beenden der Runde auch sein Gegner Hans Martin zu ihm. Auch das Brainpool-Produktionsteam wusste offensichtlich nicht recht mit der Situation, die in den 21 vergangenen Shows bisher ausblieb, umzugehen. Der erfahrene Sport-Kommentator Frank Buschmann, der alle Wettkämpfe aus seiner Sprecherkabine begleitet, versuchte, die Situation in Worte zu fassen und war hierbei auch auf erste Informationen vom Spielfeld angewiesen.
Die Regieanweisung lautete: Abwarten. Keine Close-Aufnahmen bis klar sei, ob Raab schnell wieder auf die Beine kommt. Ein Arzt eilte herbei, doch der Moderator lag nach wie vor am Boden – untypisch für die unkaputtbare Kämpfernatur Stefan Raab. Nach Minuten des Bangens erreicht Frank Buschmann die erste Diagnose: Gehirnerschütterung. Bis zu diesem Zeitpunkt war immer noch fraglich, wie und ob überhaupt die Sendung fortgesetzt werden konnte.
Als Raab sich – zunächst noch sehr wackelig – wieder aufgerafft hatte und die Kameras wieder damit begonnen haben, das Geschehen auf dem Parcours einzufangen, war der Entertainer sichtlich vom Sturz gezeichnet. Doch nach kurzer Video-Analyse und dem Abklären seines Gesundheitszustandes mit dem zuständigen Arzt und Gastgeber Matthias Opdenhövel, wollte Raab es noch mal wissen und stieg erneut auf das Bike. Mit verschrammten Gesicht stürzte er wieder an der selben Stelle. In Runde drei war der „TV Total“-Moderator nur sehr langsam unterwegs. Die Punkte gingen an Herausforderer Hans Martin. Doch das war eher nebensächlich.
Fast schon benommen und unter Schock stehend informierte sich Raab fortan bei Opdenhövel, was eigentlich passiert sei. Von den letzten Mountainbike-Runden jedenfalls wusste er nichts mehr. Umso erstaunlicher, dass sich der harte Brocken von ProSieben im nächsten Spiel so fit gab, dass er die Punkte bei „Gabelstapler“ einheimsen konnte. Erst beim zehnten Spiel „Hochsprung“ musste Raab auf Rat des Arztes passen. Zu groß war das Risiko, mit seiner Gehirnerschütterung gegen Hans Martin anzutreten. Die Punkte gingen an den 29-jährigen Unfallchirurgen und ebneten ihm den Weg zu den zwei Millionen Euro, die er um 0.40 Uhr in Form von vier Koffern in die Luft hievte und sich von seinen Freunden und den Zuschauern feiern ließ.
Doch auch Raab war die Anerkennung des Studiopublikums und der in der Spitze 5,71 Millionen Zuschauer vor den Fernsehern sicher. Denn mit Folge 22 zeigte sich ein mal mehr, was „Schlag den Raab“ ausmacht: die Unberechenbarkeit. Fast vergisst selbst der eingefleischte Fernsehjunkie, dass es sich bei der Spielshow um eine Live-Sendung handelt. Darin zeigt sich, wie perfekt das Team vor und hinter den Kulissen inzwischen eingespielt ist. Meterhohe Bühnen- und Lichtinstallationen, die während der Musikeinlagen mitten im Studio stehen, sind binnen weniger Sekunden wieder verschwunden. Selbst große Spiele im Freien, die auf der gegenüberliegenden Straßenseite des Brainpool-Studios in Köln-Mühlheim aufgebaut werden, erscheinen selbstverständlich.
Hinzu kommen Situationen wie der Sturz am vergangenen Samstag. Wo Autoren gewollt versuchen, innerhalb einer Sendung Plots zu platzieren und Dramaturgie künstlich zu erzeugen, funktioniert bei „Schlag den Raab“ das Prinzip Zufall. Wer sich heutzutage traut, eine mehrstündige Live-Show in der Primetime zu platzieren der muss sich auf zwei stützende Pfeiler verlassen können: auf die Professionalität und die Spontaneität des Teams. Stimmen beide Faktoren, so muss man sich vor der Samstagabend-Konkurrenz wie „Deutschland sucht den Superstar“ oder „Verstehen Sie Spaß?“ unter keinen Umständen einschüchtern lassen und kann mit geschwellter Brust auf den Platz treten.
Inzwischen wurde die Show von ProSiebenSat.1 in insgesamt 16 Länder verkauft. Mal gilt es, einen stets wechselnden Moderator zu besiegen, in anderen Ländern treten die Kandidaten gegen Prominente an. Dennoch: das Format bleibt auf Stefan Raab zugeschnitten. Kein anderer kann so viel Ehrgeiz entwickeln, kein anderer ist so sehr Kampfschwein wie er. Das zeigen die im Vergleich eher enttäuschenden Quoten des Spin-offs „Schlag den Star“.
Als letzter Erfolgsfaktor gelten natürlich auch die Kandidaten. Man überlässt dem Zuschauer, wer gegen den ProSieben-Alleskönner antreten darf. Und recht schnell wird Studiopublikum wie Fernsehzuschauer klar, auf wessen Seite man sich schlägt. Mal fiebert man mit Sympathieträgern, mal tauchen die „Hass Martins“ der Nation auf der Bildfläche auf. Und dann kann man ja immer noch Raab die Daumen halten.
Was der Ex-Viva-Moderator mit „Schlag den Raab“ geschaffen hat, ist die neue Form der großen Samstagabendunterhaltung. Für viele Generationen heißt deren einziges Überbleibsel „Wetten, dass..?“. Doch ein ebenbürtiger Nachfolger ist schön längst da.
In seiner Kolumne „Abgesetzt“ wirft newsecho.de-Redaktionsleiter Kevin Körber jeden Montag einen kritisch-amüsierten Blick auf das Drunter und Drüber der Medienwelt.
























