„Abgesetzt“: Premiere für „Circus HalliGalli“

Spagat zwischen Nische und Mainstream

Von Kevin Körber

Foto: ProSieben
Foto: ProSieben Joko Winterscheidt (li.) und Klaas Heufer-Umlauf (re.) in der großen Manege: „Circus HalliGalli“ kann ohne Frage als würdiger „neoParadise“-Nachfolger angesehen werden.

Mit „Circus HalliGalli“ öffnete ProSieben am Montagabend zum ersten Mal die Tore zur Manege des Wahnsinns. Dort knüpfte das Moderatoren-Gespann Klaas Heufer-Umlauf und Joko Winterscheidt konsequent dort an, wo sie bei „neoParadise“ aufhörten.

Dem Start von „Circus HalliGalli“ werden sowohl Zuschauer als auch die Macher mit gleicher Spannung entgegengefiebert haben. Schließlich lag die Messlatte durch das Vorgänger-Format „neoParadise“ durchaus hoch – wenn auch nicht unbedingt aus Quotensicht. Umso mehr hat man sich als Anhänger der ZDFneo-Show gewünscht, dass es den Verantwortlichen gelingt, erneut eine Sendung, die durch ihren besonderen Charme, ihren Meta-Humor und die zahlreichen Seitenhiebe gegen die Medienbranche besticht, ins Leben zu rufen und damit den Spagat zwischen Nischenfernsehen und kommerzieller Unterhaltungsshow im Privatfernsehen zu meistern.

Das Team der Endemol-Produktionsschmiede Florida TV wird am Montagabend sicherlich ebenso nervös auf die Premierensendung gewartet haben. ProSieben rührte im Vorfeld schließlich ordentlich und schon fast beängstigend die Werbetrommel, die mehr als nur den üblichen Promo-Auftritt bei „TV total“ beinhaltete. Es schien, als seien alle Augen auf „Circus HalliGalli“ gerichtet, was unwillkürlich die quälende Frage aufkeimen lässt, ob das ProSieben-Publikum diese Portion Fernsehen fernab des Mainstreams überhaupt akzeptieren wird. Im Spartensender erreichte man bislang die, die dem Format gezielt ein Zuhause in ihrem Fernseher schenkten. Bei ProSieben muss man sich nun auch mit eben jenen konfrontiert sehen, die die Sendung schlichtweg nicht verstehen.

Umso bezeichnender war es fast, Helge Schneider als ersten Gast in die Premierensendung einzuladen, steht er doch am besten für eine Art von Humor, die man entweder schätzt oder zu der man keinerlei Zugang findet.

„neoParadise – Die Show“

Schon in der Anfangssequenz, in der Winterscheidt und Heufer-Umlauf Szenen aus bekannten ProSieben-Formaten wie „Taff“, „Galileo“ oder „Beauty & the Nerd“ präsentiert wurden, um sie damit in einer Art Gehirnwäsche von Kopf bis Fuß auf die ProSieben-Exklusivität zu trimmen, zeigte sich, dass der Sender dem Team rund um „Circus HalliGalli“ allen nötigen Freiraum lässt. Und das ist gut, viel zu hoch wäre ansonsten die Gefahr gewesen, zu einer reinen „We love“-Show zu mutieren.

Für alle, die am Montagabend ihren Erstkontakt mit Joko, Klaas und den restlichen Protagonisten Palina Rojinski, Oma Violetta und Olli Schulz hatten, muss „Circus HalliGalli“ in der Tat wie Fernsehen von einer anderen Welt gewirkt haben: Die Sendung fällt alleine ob ihres hohen Produktionswertes, den aufwendig und mit Liebe zum Detail inszenierten und oftmals durch Filmszenen inspirierten Einspielern und ihrer verrückten Schnelligkeit auf und hebt sich vom restlichen ProSieben-Programm ab.

Einzig die Tatsache, dass man Joko und Klaas als neue Spielwiese wesentlich mehr Platz in einem großen Studio zur Verfügung stellt, lässt noch erahnen, dass hier ein Sender dahinter steckt, der sich die Produktion den ein oder anderen Euro kosten lässt. Schon nach den ersten Minuten war klar: „Circus HalliGalli“ ist lediglich ein weiterer schwachsinniger Format-Titel, der als Deckmantel für das dienlich ist, was sich nicht in eine Pressemitteilung packen lässt: den eigentlichen Inhalt der Sendung. Genauso gut hätte „neoParadise – Die Show“ das Spektakel ordentlich betitelt.

Altbekannte Gesichter

Auch Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf war in den ersten Minuten in der als Hotellobby gestalteten Studio-Kulisse mit Gammelsofa und Schreibtisch – als schon durch „MTV Home“ und „neoParadise“ bekanntgewordene Möbel im Set – durchaus so etwas wie Nervosität anzumerken. Alles wirkte größer. Aufregender.

Wer die Vorgängerformate bei MTV oder ZDFneo bisher nie verfolgt hatte, wird sicherlich Schwierigkeiten mit dem gewollten Chaos in der neuen ProSieben-Manege gehabt haben. Während man sich als „neoParadise“-Zuschauer schon diebisch auf einen neuen und mehr als gelungenen Einsatz von Olli Schulz als versoffene Kunstfigur und zugleich Fremdkörper der Promi-Gesellschaft Charles Schulzkowski auf einer VIP-Party im Rahmen der Berlinale freute, könnte dem normalen ProSieben-Zuschauer hier vielleicht ein roter Faden gefehlt haben. Etwas, das einen an der Hand nimmt und in diese neue Welt vorsichtig einführt.

Umso mutiger, auch hier keine Abstriche machen zu müssen und sich weiterhin als Nischenprogramm im größeren Rahmen präsentieren zu dürfen. Gleiches gilt für den ersten Teil des langen Karneval-Einspielers der „Ja-Sager“, der Fortführung eines bereits jahrelangen Wettstreits („Wenn ich Sie wäre“) zwischen Joko und Klaas.

Komplettiert wurde die Show durch musikalische Auftritte von Cro und Sido sowie von kleineren Überraschungen fernab der Handlung, wie beispielsweise einem Cameo von Oliver Pocher, der in einer „Fight Club“-Hommage vor den Studiotüren stand. Oder von Wolfgang Lippert, dem Kurzzeit-Moderator von „Wetten, dass..?“, der nach dem Abspann, in dem Kanzlerin Merkel der Show schriftlich ihr „uneingeschränktes Vertrauen“ aussprach, beiden ein „supergutes Gefühl“ seinerseits attestierte.

Anarcho-Fernsehen mit Potenzial für ProSieben


Ja, „Circus HalliGalli“ ist für ProSieben ein gewagtes neues Format, da es sich nicht an gängige Konventionen des Senders hält – oder halten muss. Es scheint, als seien Vorgaben aus Unterföhring so gut wie nicht existent. Frei nach dem Motto: „Macht einfach mal!“. Die großangelegten Werbeaktionen haben ihre Wirkung jedenfalls nicht verfehlt: mit 16,9 Prozent Marktanteil in der relevanten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen, was 1,51 Millionen Zuschauern entsprach, kann man sich auf allen Seiten mehr als zufrieden zeigen. Sollte man sich nach der ersten Neugier nun auf einem soliden Wert einpendeln, könnte „Circus HalliGalli“ ein neues Show-Flaggschiff im Programm von ProSieben werden. Und für einen Privatsender ein Mutiges dazu.

Ohne Zweifel kann das Anarcho-Format von und mit Joko und Klaas einen neuen Maßstab bei ProSieben setzen. Eben weil keine Regeln existent scheinen und man eine moderne Unterhaltungsinsel geschaffen hat. Dies wurde deutlich, als Stefan Raab direkt im Anschluss mit „TV total“ aufwartete. Die neue Unterhaltungsinsel von damals, die nach der „Circus HalliGalli“-Premiere mit ihrem in die Jahre gekommenen und angestaubten Studioset ebenfalls wirkte, wie Fernsehen aus einer anderen Welt.

Für ProSieben können sich mit „Circus HalliGalli“ vielfältige Möglichkeiten eröffnen, um künftig für jede Menge Aufsehen in der Medienlandschaft zu sorgen. Denn dieses ist Joko Winterscheidt, Klaas Heufer-Umlauf und natürlich nicht zuletzt dem Team dahinter nun, auf einem großen Sender, sicher.

Keine Frage: Die Leidenschaft, wöchentlich eine gute Sendung zu produzieren und die daraus resultierende Qualität mit Liebe zum Detail sind auch auf einem digitalen Spartensender erstklassiges Unterhaltungsfernsehen – ein noch beflügelnderes Gefühl dürfte es jedoch sein, wenn man weiß, dass es nun auch endlich gesehen wird. Und so wird die beste Überzeugungsarbeit, die das Team jetzt vor der breiten Masse leisten muss, der eigene Anspruch sein. Dass dieser ungebrochen hoch ist, stellte man schon bei der Premiere unter Beweis.


In seiner Kolumne „Abgesetzt“ wirft newsecho.de-Redaktionsleiter
Kevin Körber einen kritisch-amüsierten Blick auf das Drunter und Drüber der Medienwelt.
Kommentare