„Künstlich inszeniert“
Radio-Skandale: Perfides Spiel mit den Hörern
Von Kevin Körber Aktualisiert: 04.11.2011, 16:00 Uhr
Ismaning/Halle/Tübingen – Gewinnspiele im Privatradio sind längst zu festen Bestandteilen des Programms geworden. Mal geht es um 10.000 Euro, mal um eine Reise oder ein Traumauto. Doch diese Spiele scheinen nun in eine neue, perfide Form der Inszenierung und künstlichen Skandalisierung zu gipfeln.
Antenne Bayern soll Sex-Urlaub zahlen
Für große Aufregung sorgte jedoch eine Rechnung, die am 19. Oktober morgens um 7 Uhr von Antenne-Bayern-Moderator Wolfgang Leikermoser aus dem Pool gezogen wurde. Wo normalerweise Rechnungen in Höhe von ein paar hundert Euro für Elektroartikel oder einen Kegelklub-Ausflug beglichen werden, reichte eine Reisegruppe aus dem Allgäu eine Rechnung in Höhe von 2.350 Euro ein. Das Geld investierten die Herren im Alter zwischen 35 und 65 Jahren angeblich in eine „Thailand-Reise mit Frauenkontakt“. Im ersten Augenblick sprachlos, dann empört, weigerte sich Leikermoser – live auf Sendung – den Sex-Urlaub zu bezahlen.
Es dauerte nicht lange, bis sogar ein Anwalt in die Sendung geschaltet wurde, der bekräftigte, dass man sich an die Teilnahmebedingungen halten müsse – andernfalls drohe eine Geldstrafe. Leikermoser blieb jedoch bei seiner Verweigerung. Das Hörer-Feedback war enorm: auf der offiziellen Facebook-Seite des Senders stärkten viele Anhänger von Antenne Bayern dem Moderator den Rücken, hielten diese spontan getroffene Bauch-Entscheidung für richtig. Am nächsten Tag teilte Wolfgang Leikermoser in einer Stellungnahme mit, dass er bei seiner Meinung bleibe, ansonsten würde er sich der „Beihilfe zum Menschenhandel“ strafbar machen. Auch der Sender selbst bekräftigte die Entscheidung des Moderators – unabhängig möglicher juristischer Konsequenzen, heißt es auf der Sender-Website.
Thailand-Reise in Bayern, Abtreibung in Sachsen-Anhalt
Für den Otto-Normal-Hörer offensichtlich ein kleiner Skandal, aber zudem eine emotional aufrichtige Entscheidung von Antenne Bayern. Was die Hörer in Bayern nicht wissen können: ein ganz ähnlicher Fall ereignete sich vor zwei Wochen in Halle. Der dort ansässige Radiosender 89.0 RTL veranstaltet zurzeit die Aktion „89.0 RTL zahlt Deine Sünden“ nach dem gleichen Vorbild – und mit einem sich gleichenden Skandal.
Ebenfalls in der Morningshow wurde die von der 26-jährigen Julia eingereichte Sünde live ausgelost. Als die Moderatoren allerdings im Studio sahen, was genau sie da bezahlen sollen, fehlten ihnen – wohl ganz nach dem Vorbild Wolfgang Leikermosers – die Worte. Die junge Frau wollte ihre Abtreibung bezahlt bekommen, die infolge eines One-Night-Stands entstanden sei. Die Reaktionen: ähnlich denen bei Antenne Bayern. Man weigert sich zu zahlen, da es hierbei um Menschenleben ginge. Die Anwälte raten jedoch in Anbetracht der Spielregeln davon ab, auf die Zahlung zu verzichten. Hörer sympathisierten mit ihrem Sender und der Entscheidung, für die Abtreibung einzustehen.
„Skandal künstlich inszeniert“
Zufall, dass beide Privatradios fast zur gleichen Zeit einen ähnlichen Skandal im Rahmen einer identischen Gewinnaktion auf Sendung haben? Daran will Sandra Müller jedenfalls nicht glauben. Sie ist Mitbegründerin von „Fair Radio“, eine Initiative aus erfahrenen Radiomachern und Journalisten, die sich für mehr Glaubwürdigkeit im Hörfunk einsetzen. „Anscheinend zufällig ist bei beiden Sendern ein Gewinner gezogen worden, mit einer moralisch fragwürdigen Rechnung. Jetzt haben beide Sender daraus eine moralische Geschichte konstruiert und sich in einen künstlichen Zwiespalt manövriert“, so Müller im Gespräch mit newsecho.de.
Für die erfahrene Hörfunk-Journalistin sind das zu viele Übereinstimmungen innerhalb der beiden Gewinnspiel-Aktionen von Antenne Bayern und 89.0 RTL: „Wir glauben nicht daran, dass das ein Zufall ist, sondern haben den Verdacht, dass dieser Skandal künstlich inszeniert worden ist, um eben Hörer auf seine Seite zu ziehen und damit Quote zu machen. Das halten wir für höchst verwerflich.“
Insbesondere die Tatsache, dass die Auslosung der angeblichen Gewinnspielteilnehmer live im Studio erfolgte, sei ein Indiz für eine mögliche Inszenierung. Laut Sandra Müller sei eine solche Vorgehensweise nicht realistisch, „erst recht nicht bei privaten Sendern wie Antenne Bayern und 89.0 RTL. Das sind beides Sender, die im höchsten Grade formatiert sind. Dort gibt es Beschränkungen, wie lange einzelne Wortmeldungen sein dürfen und wie sie verpackt werden müssen“, sagt sie uns im Interview. „Dass tatsächlich ein Moderator live auf Sendung das Los zieht und dann erst feststellt, welches Los er da gezogen hat, halten wir aus unserem Wissen über Privatradios heraus für quasi ausgeschlossen. Es spricht eigentlich alles aus unserer Erfahrung dagegen, dass das echte Skandale sind.“
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Bleibt die Frage, wieso Radiostationen einen solchen künstlichen Skandal inszenieren sollten. Die Antwort ist möglicherweise in der sogenannten Media-Analyse zu finden. Mehrmals im Jahr wird per Telefonumfrage ermittelt, wie viele Hörer welchen Sender einschalten. Tatsächlich geht es vielmehr darum, sich bei einer solchen Befragung möglichst an einen Sendernamen zu erinnern. Ob dieser tatsächlich auch Tag für Tag angehört wurde, spielt nur eine sehr untergeordnete Rolle bei diesen Zahlen. „Diese Skandale sind ja nicht die ersten dieser Art. Erstaunlicherweise fallen sie immer in die Zeit, in der die Umfragen laufen“, verrät und Sandra Müller von „Fair Radio“. „Insofern zahlt es sich aus, wenn ein Sender es schafft, in dieser Umfragezeit oder kurz davor viel Popularität, viele Schlagzeilen, viel Gesprächsstoff zu liefern.“
Nach den vorliegenden Zahlen richten sich am Ende natürlich auch entsprechend die Werbepreise der Sender. Hinzu kommt, dass beispielsweise Antenne Bayern in der letzten Media-Analyse 2011/II in Bayern als einziger Sender einen Verlust von 8,7 Prozent (das entspricht 279.000 Hörern), verglichen mit den Zahlen von 2011/I, hinnehmen musste und somit hinter dem öffentlich-rechtlichen Bayern 1 rangiert. In Sachsen-Anhalt konnte 89.0 RTL zwar 24 Prozent der Hörer für sich gewinnen, liegt aber immer noch abgeschlagen hinter den Platzhirschen Radio SAW, Radio Brocken, MDR 1 und MDR Jump. Ein weiterer Zuwachs an Bekanntheit wäre also nur von Vorteil.
Hörerbindung im Social Web schaffen
Doch das Medium Radio scheint für die Sender nicht mehr alleine von Wichtigkeit geprägt zu sein. „Die Sender sind zunehmend auch scharf drauf, auf Facebook eine große Community zu bekommen. Das gilt unter Radiostationen so ein bisschen als Währung“, weiß Sandra Müller zu berichten. „Solche Aktionen wie diese beiden Skandale sind natürlich besonders geeignet, Hörer zu mobilisieren. Bei Antenne Bayern ist ‚zufällig‘ der 100.000. Facebook-Anhänger in die Zeit dieses Skandals gefallen, woran man auch sehen kann, warum so ein Skandal für einen Sender eine tolle Sache ist.“
Spannend bleibt sicherlich zu beobachten, wie die beiden medialen Heldentaten nun ihr öffentliches Ende finden werden. „Beide Sender haben ja angekündigt, dass Rechtsanwälte sich darum kümmern“, so Sandra Müller von „Fair Radio“. „Wir haben bei uns Rechtsexperten gefragt, die beiläufig sagten, es spricht alles dafür, dass das gar kein echter Zwiespalt ist. Kein Sender müsse so etwas bezahlen, das wären ja auch sittenwidrige Geschäfte. Also dieser Zwiespalt sei auch juristisch eigentlich nur künstlich aufrechterhalten. Ich vermute, dass die Sender am Ende die Rechnungen nicht bezahlen und man es dann auströpfeln lässt und kein Mensch mehr danach fragt“, resümiert Müller gegenüber newsecho.de.
Vermeintliche Moralapostel
Für den Hörer ist es ohne Frage ein schwieriges Unterfangen, solche mutmaßlichen künstlich inszenierten Skandale der privaten Radiosender zu durchschauen. „Glaubt nicht alles, was da passiert und lasst es die Sender auch spüren, wenn solche Spielchen getrieben werden“, gibt die „Fair Radio“-Mitbegründerin den Hörern mit auf den Weg. Ohne das nötige Hintergrundwissen, werden solche offenbar inszenierten Werbeaktionen ganz und gar nicht als verwerflich wahrgenommen. „Ich kann das verstehen; junge Hörer schreiben bei Facebook: ‚Ja, ihr macht das genau richtig‘. Das ist das perfide an diesem besonderen Skandal. Die Sender stehen quasi als vermeintliche Moralapostel da und setzen sich für eine gute Sache ein. Die Leute werden quasi in ihrem aufrechten Gefühl missbraucht“, kritisiert die erfahrene Hörfunkerin Sandra Müller.
Auf die Bitte einer offiziellen Stellungnahme zu den offensichtlichen Ähnlichkeiten der Skandal-Gewinnspiele beider Sender, äußerte sich Antenne-Bayern-Pressesprecher Stefan Assfalg gegenüber newsecho.de: „Bei ‚Fair Radio‘ handelt es sich um ein freies Internet-Forum, das genügend Raum für alle möglichen Meinungen und Spekulationen bietet.“ Zur Gewinnspiel-Aktion selbst verwies man auf die bereits verbreiteten Informationen auf der offiziellen Senderwebsite. Von 89.0 RTL liegt bisher keine Stellungnahme vor.
























