Barrierefreies Web

Blind im Netz

Von Henrike Peter

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Foto: DPA Allein seit 2005 wuchs die Zahl behinderter Menschen um elf Prozent, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden berichtet.

Dass der Zugang zu öffentlichen Gebäuden behindertengerecht gestaltet wird, ist für viele bereits zur Normalität geworden. Doch dass es auch im Internet einige Barrieren für Menschen mit Behinderung gibt, die das Netz dann nur eingeschränkt oder gar nicht nutzen können, ist nur wenigen bewusst. Ein Experte klärt auf.

Jan Eric Hellbusch weiß selbst genau, welche Barrieren im Web lauern. Mitte der Neunziger Jahre begann sein Augenlicht nach und nach durch eine angeborene progressive Sehbeeinträchtigung zu schwinden. Heute ist er ganz blind. Über die Jahre machte er sich mit Projekten und Publikationen zum Thema „Barrierefreies Web“ einen Namen und gilt inzwischen als Spezialist auf seinem Gebiet.

Er berät Unternehmen und Webdesigner, wie Internetseiten zugänglicher werden können. „Dazu schaue ich mir Vorlagen und Testseiten an und führe Punkte auf, die erforderlich sind, um eine konkrete Umsetzung der Richtlinien für barrierefreie Webinhalte 2.0 zu erreichen und beschreibe Verbesserungsmöglichkeiten“, erklärt Jan Eric Hellbusch seine Arbeit im Gespräch mit newsecho.de. Die Richtlinien stammen vom World Wide Web Consortium (kurz: W3C), einem Gremium, das sich für die Standardisierung der das Internet betreffenden Techniken einsetzt. Sie geben ein Kategorisierungssystem vor, nach dem sich Entwickler von Websites richten können.

Barrieren zeigen sich oft erst spät

Doch das Wort „Barrierefreiheit“ ist so umfassend, dass es kaum möglich ist, eine allgemeingültige Definition in Bezug auf das Internet zu finden. Jan Eric Hellbusch hält sich gerne an die des W3C: „Barrierefreiheit bedeutet, dass Menschen mit Behinderungen das Web wahrnehmen, verstehen, navigieren und damit interagieren können, und dass sie zum Web beitragen können“. Ebenso unterschiedlich wie die Behinderungen vieler Menschen sind auch die Barrieren, die den Zugang zum Netz erschweren. Deshalb könne man nicht von „Haupt-Barrieren“ sprechen. Das Thema sei einfach zu vielschichtig.

„Die Barrieren müssen immer mit einem konkreten Webauftritt bewertet und mit den Anforderungen des einzelnen Nutzers betrachtet werden“, weiß der Web-Spezialist. Er selbst nutzt aufgrund seiner Erblindung einen Screenreader, eine Vorlese-Anwendung, die Blinden und Sehbehinderten Texte aus dem Web über eine Sprachausgabe wiedergibt. Meistens funktioniere das ganz gut, aber eben nur meistens.

„Beim Online-Shopping ist es mir schon mal passiert, dass ich über den Screenreader ohne Probleme meine Produkte anschauen, auswählen und den Warenkorb legen konnte, allerdings beim Bezahlen scheiterte, weil das entsprechende Formular für die Kontoverbindung für den Screenreader nicht lesbar war“. So komme es vor, dass zwar das gesamte Angebot nutzbar sei, er aber am letzten Schritt von vielen doch scheitere.

„Es gibt viele Bereiche, die einwandfrei funktionieren. Manche JavaScript-Bibliotheken, PDF-Formulare, Videos oder HTML-Seiten sind gut lesbar, andere wiederum überhaupt nicht“, so Hellbusch. Beim Design von Webseiten werde eben oft nicht berücksichtigt, dass viele Menschen körperliche Einschränkungen haben. „Barrieren können außerdem fehlende Texte zur Beschreibung von Grafiken sein, eine unglückliche Auswahl an Farbkombinationen, unklar strukturierte Webseiten oder nicht bedienbare Navigationsmechnismen“.

Das Internet erleichtert Vieles

Insgesamt hat sich für Hellbusch mit dem Internet vieles zum Positiven entwickelt. „Ich ziehe alle meine Informationen aus dem Web und benutze das Internet hauptsächlich als Kommunikationsmittel und ich kann mir Wege sparen, indem ich online kaufe.“ Diese Vorteile bedeuteten für manche behinderte Nutzergruppen erstmalig Selbständigkeit bei bestimmten Aktionen.

„Man denke an eine Bibliothek oder eine Behörde, die nur über eine Treppe erreichbar sind und stelle sich die Frage, wie ein Rollstuhlfahrer ohne fremde Hilfe dahinein gelangen soll.“ Mit Hilfe des Internets geht dies problemloser, was sicher auch mit ein Grund dafür ist, dass immer mehr Städte und Gemeinden Behördengänge online anbieten. Alle wichtigen Formulare sind über die entsprechenden Websites zu erreichen und können gleich online eingereicht werden.

Ideen für weitere Verbesserungen hat Jan Eric Hellbusch viele, nur für die Umsetzung fehlt es ihm häufig an Zeit und an Geld. Doch stehen bleiben will er nicht. „Gerne würde ich mich an Open-Source-Projekten für barrierefreie Redaktionssysteme beteiligen und international besetzten Arbeitsgruppen an der Möglichkeit einer einheitlichen Zertifizierung der Barrierefreiheit mitwirken“, formuliert er seine Wünsche für die Zukunft, in der er Schritt für Schritt weiter in Richtung Barrierefreiheit im Netz gehen will.
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