„Fast ein ganz normaler Beruf“
Arbeitsalltag zwischen Pixeln und Polygonen
Von Vanessa Volkmann
Video- und Computerspiele gehören immer mehr zum Alltag und etablieren sind zunehmend in der Gesellschaft. Nicht verwunderlich also, dass ein Job in der Gaming-Branche für immer mehr Jugendliche eine willkommene Option in ihrer Berufswahl darstellt. newsecho.de mit einem kleinen Einblick in unterschiedlichste Bereiche der Gaming-Industrie.
Videospiele verkaufen sich heute besser als Filme und sind hierzulande sogar schon offiziell als Kulturgut anerkannt. Nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, was heute möglich ist. Aktuelle Spiele sind optisch kaum von der Realität zu unterscheiden, bieten komplexe Spielabläufe und erzählen einzigartige Geschichten, wie man sie im Kino nicht besser erleben könnte. Aber auch kleine Browsergames aus dem Internet, die optisch nicht an ihre „großen Brüder“ auf Heimkonsolen wie der PlayStation 3, der Xbox 360 oder den PC heranreichen, sind beliebt wie nie zuvor und werden von vielen Menschen mit Begeisterung gespielt. Sie bieten Abwechslung, eine kleine Auszeit aus dem stressigen Alltag und man kann mit seinen Freunden interagieren oder die Highscores vergleichen. Zudem sind sie in den meisten Fällen kostenlos.
Jedoch machen sich viele Menschen, die Spiele, egal welcher Art, spielen, keine Gedanken darüber, wer eigentlich hinter diesen steckt und wie viel Arbeit es ist, ein Spiel zu entwickeln. Originalgetreue, antike Städte, wie man sie in „Assassin's Creed“ sieht, Nachbauten diverser Rennstrecken und Autos aus Rennspielen, verwüstete Kriegsschauplätze wie in „Battlefield“ oder auch simple, zweidimensionale Acker in „Farmville“ entwickeln sich schließlich nicht von alleine.
Entwickler und die berichterstattende Zunft
Hinter jedem Spiel stecken kreative Köpfe, die ihren Weg in der noch recht jungen Games-Branche gefunden haben und sich dort wohl fühlen. Einer von ihnen ist Benedikt Grindel, Head of Live Operations von Blue Byte, einer Tochterfirma des bekannten Spielentwicklers und Publishers Ubisoft, die seit Jahren erfolgreich Spiele herausbringen. „Am Ende etwas in den Händen zu halten, oder spielen zu können, dass die Menschen in ihrer Freizeit begeistert. Das ist einfach ein schönes Gefühl“, beschreibt der Head of Live Operations seine Arbeit gegenüber newsecho.de.
Mittlerweile begeistern unter anderem seine Ergebnisse jeden dritten Deutschen, denn 23 Millionen Menschen in Deutschland spielen laut des Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware e.V. – kurz: BIU – Video- und Computerspiele. Knapp die Hälfte, 9,9 Millionen Menschen, sind Frauen. Zu dieser beachtlichen Anzahl haben vor allem viele Musik-, Tanz- und Fitnessspiele beigetragen, die in den letzten Jahren erschienen und verstärkt auf das weibliche Geschlecht ausgerichtet sind.
Zwar sind Frauen in der Spiele-Entwicklung bisher eher selten vertreten, aber dennoch sind sie in der Branche aktiv. Viola Tensil, Moderatorin und Redakteurin, übernimmt seit mehreren Jahren verschiedene Tätigkeiten rund um die Gaming-Berichterstattung: „Als Redaktionsleitung des Eltern-Portals Spielfalt.de zum Beispiel, redigiere ich hauptsächlich die Artikel der Redakteure, teste einige Spiele selbst und bin an der Konzeption der Seite beteiligt“, erzählt sie uns. „Als Moderatorin und Redakteurin für die TV- und Online-Show ‚Play’D‘ bereite ich Sendungsinhalte vor, schneide Videobeiträge, führe Interviews, spreche mit Spiele-Herstellern und sonstigen Kontakten in der Branche, koordiniere Themen, beantworte Zuschauer-Mails, fahre zum Drehen auf Events. Die Liste ist lang.“ Zudem betreibt die 31-Jährige eine eigene Webseite und moderiert Preisverleihungen und andere Events rund um das Thema Gaming.
„Wir sind auch nicht die Super-Freaks“
Computer- und Videospiele entwickeln sich derzeit von einem weitgehend unterschätzten und zu wenig wahrgenommenen Massenmedium zu einem akzeptierten Massenmedium, beschreibt Viola Tensil die Zukunft der Branche. Dennoch bleiben auch Menschen, die sich erfolgreich in der Szene etabliert haben, von Vorurteilen nicht verschont: „Wer mich nach meinem Beruf fragt, urteilt schnell: ‚Also zockst du den ganzen Tag.‘“, wirft man ihr vor. „Tatsächlich“, so stellt sie richtig, „gibt es ungefähr 1.000 Aufgaben, die ich erledige, und das Spielen ist nur ein sehr kleiner Part davon.“
Auch Benedikt Grindel von Blue Byte wird hin und wieder mit vorschnellen Schlüssen konfrontiert – sowohl negativ, als auch positiv, sagt er. „Ich begegne dem mit einem Lächeln. Spiele zu entwickeln oder zu betreiben ist inzwischen fast ein ganz normaler Beruf. Für mich ist das immer noch viel interessanter als die meisten klassischen Berufe, aber wir sind auch nicht die Super-Freaks, die immer nur vor dem Rechner hocken. Das gesunde Mittelmaß macht’s.“
Dennoch wird im Gaming-Bereich natürlich gespielt, wenn auch weniger als allgemein vermutet wird. Gerade die Berichterstattung – egal, ob in Printprodukten, Online oder im Fernsehen – setzt voraus, dass der zuständige Redakteur das Spiel getestet hat, um darüber urteilen zu können. So verlockend das für die meisten Games-Interessierten auch klingen mag, so harte Arbeit ist es doch, bestätigt Tensil: „Hin und wieder kommt es schon vor, dass ich für einen Test eher durch ein Spiel hetze, weil ich unter Zeitdruck stehe, während ich das privat ruhiger angegangen wäre. Außerdem hat man manchmal zu sehr die Profi-Brille auf, stört sich an Texturen und Mängeln in der Steuerung, obwohl es einem ganz persönlich vielleicht eher egal gewesen wäre. Aber klar: es gibt Schlimmeres.“
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Digitale Medien als Studiengang
Da sich das Video- und Computerspiel mittlerweile zum Massenmedium gemausert hat, steigt auch die Nachfrage nach diversen Ausbildungen, um danach in dem Bereich arbeiten zu können. Die Fachhochschule Trier zum Beispiel, bietet seit 2008 einen Studiengang namens „Digitale Medien und Spiele“ unter der Leitung von Prof. Dr. Christoph Lürig an. „Wir unterrichten bei uns Spieleprogrammierung. Mein Ziel ist es, den Studenten das notwendige Basiswissen zu vermitteln, um einen Job in diesem Sektor landen zu können“, berichtet er uns. „Wichtig für mich ist, dass die Studis anschauliche Spieleprobleme mathematisch formalisieren und programmtechnisch umsetzen können.“
Lürig ist davon überzeugt, dass solide Ausbildungen, die eine Grundlage für eine Karriere in der Games-Branche darstellen, langfristig zur Unterstützung und Stabilisierung dieser beitrage. „Die Tatsache, dass sich Unis oder Fachhochschulen akademisch mit Spielen beschäftigen, deutet darauf hin, dass Spiele langsam als kulturelle Artefakt akzeptiert werden“, fügt der Dozent, der unter anderem zwei Jahre lang für den Branchenriesen Ubisoft tätig war, hinzu.
„Ich glaube zunächst sollte man sich darüber im Klaren sein, dass Spiele spielen und sie zu entwickeln zwei verschiedene Paar Schuhe sind. Im nächsten Schritt sollte man sich darüber klar werden, ob die eigenen Interessen im Bereich der Gestaltung oder der Technik liegen“, gibt er jungen Menschen mit auf den Weg, die eine Karriere im Bereich der Video- und Computerspiele anstreben. „Versuchen Sie, so viel über die Basis dieses Bereiches zu lernen, wie es möglich ist. Im Falle der technischen Ausrichtung ist dies Mathematik und Informatik. Sehen Sie zu, dass Sie im Studium ein kleines Portfolio an Projekten zusammenstellen können. Seien Sie räumlich flexibel“, gibt der Professor mit auf den Weg. „In meiner Laufbahn habe ich in Deutschland und Kanada gearbeitet. Ich habe in meiner Laufbahn aber auch Leute kennengelernt, die schon in vier verschiedenen Ländern tätig waren.“
Praxiserfahrung sammeln
Auch Gaming-Redakteurin Viola Tensil spricht die Wichtigkeit des globalen Marktes, gute Fremdsprachenkenntnisse und eines solides Allgemeinwissens an: „Egal, in welchen Bereich man möchte: Ohne Englisch geht es nicht. Die größten Spiele-Firmen sitzen in den USA oder Japan und man hat ständig mit Entwicklern, Presse-Vertretern und Kollegen zu tun, die eben kein Deutsch sprechen – und auch Informationen zu einem Spiel sind zu allererst auf Englisch verfügbar“, so Tensil. „Wer eine Karriere als Journalist anstrebt, braucht im Endeffekt das gleiche Handwerkszeug, wie sonst auch: eine sichere Rechtschreibung, die Fähigkeit, eine objektive Meinung abgeben zu können, ein breitgefächertes Allgemeinwissen und sowohl im Team als auch selbstständig arbeiten zu können. Das alles kommt mit der nötigen Praxis halbwegs von allein – graue Theorie ist zwar schön und gut, aber letztendlich gilt: Rein ins kalte Wasser und loslegen.“
An der nötigen Gaming-Praxis sollte es aber trotzdem nicht fehlen. Alleine das Studieren jahrzehntelanger Computerspiel-Theorie hilft einem nicht. „Wer so gar nichts mit Spielen anfangen kann, wird sich in der Branche schwer tun“, so Benedikt Grindels Fazit. „Es gibt sicherlich ein paar Bereiche, bei denen das nicht ganz so wichtig ist, aber je näher man an der Entwicklung ist, desto mehr sollte man sich mit den Produkten auch beschäftigen“, ergänzt der Blue-Bytes-Mitarbeiter.
„Spielt viel, entwickelt selbst Spiele, auch, wenn sie einfach sind, probiert möglichst viel selber aus“, rät er. Trotzdem ist auch aus seiner Sicht eine abgeschlossene Ausbildung unabdingbar: „Und nicht zu vergessen: Praktika, Praktika, Praktika.“























